Juristische Essay-Wettbewerbe: Zwischen Belletristik und Fachbeitrag

Juristische Texte stehen gemeinhin nicht im Verruf, durch Witz, Esprit oder einen beschwingten Stil zu glänzen. Im engen Korsett aus Fußnoten, Zitiervorgaben und gewollter Trockenheit erstickt jede schreiberische Ambition im Keim. Aber muss das so sein? Keineswegs. Den Mittelweg zwischen Fach- und Publikumsbeitrag beschreiten die Teilnehmer juristischer Essaywettbewerbe.

 

Man muss nicht gleich Goethe, Heine oder Flaubert zitieren, um nachzuweisen, dass Juristen bisweilen begnadete Schreiber sein können. Vielleicht lässt man es sogar besser, denn der Vergleich ist ohnehin nicht zu gewinnen, und alle drei begegneten ihrem Studium mit verschiedenen Graden der Abneigung.

Doch zwischen den genialen Ergüssen der literarischen Altmeister und dem staubtrockenen Stil vieler juristischer Fachtexte ist durchaus so etwas wie ein Mittelweg möglich. Diesen zu beschreiten, laden juristische Essaywettbewerbe ein, wie sie vereinzelt von manchen Fakultäten, landesweit von der European Law Students‘ Association (ELSA) oder der Kanzlei Buse Heberer Fromm veranstaltet werden.

Weniger Vorgaben als bei Hausarbeiten

Die Regeln variieren im Detail, die Grundidee ist aber relativ simpel: Zu einem vorgegebenen Thema soll ein Essay gefertigt werden, der inhaltlich durch eine fundierte Argumentation besticht, formal und stilistisch aber nicht den strengen Vorgaben unterliegt, die die Verfasser sonst aus Haus- und Seminararbeiten gewohnt sind.

"Im Alltag einer Wirtschaftskanzlei ist es ausgesprochen wichtig, schnell auf den Punkt zu kommen und komplexe Sachverhalte in einer Weise darzustellen, die auch für den Mandanten klar verständlich ist. In Deutschland wird diese Fähigkeit im Studium leider viel zu wenig gefördert, stattdessen schreibt man langatmige Gutachten und später im Referendariat dann Relationen. Wir haben deshalb im Jahr 2005 die Buse Awards ins Leben gerufen, um damit engagierten Nachwuchsjuristen eine Plattform zu geben, praxisbezogene Fähigkeiten zu entwickeln und einem breiten Publikum zu präsentieren", erläutert Christian Pothe, Geschäftsführer bei Buse Heberer Fromm, den Ansatz des hauseigenen Essaywettbewerbs.

Dieser richtet sich an Studenten, Referendare sowie Berufsanfänger. Einmal jährlich können die Teilnehmer aus drei kapitalmarktrechtlichen Themen wählen und zu einem davon einen fünf- bis siebenseitigen Text verfassen – frei von professoralen Pingeligkeiten, stattdessen pointiert und auf den Punkt geschrieben.

Materielle und ideelle Motive

Stellt sich nur die Frage, warum man das tun sollte. Auf der einen Seite gibt es relativ handfeste Argumente: Beim letzten Wettbewerb von ELSA gab es für die drei bestplatzierten je einen Praktikumsplatz im Bundesministerium für Justiz zu gewinnen. Bei den Buse Awards winken Geldpreise von bis zu 1.000 Euro, eine Veröffentlichung der drei bestplatzierten Einsendungen in einer Beilage des Going Public Magazins und eine Preisverleihung mit Gästen aus Recht und Wirtschaft im Frankfurter Commerzbank Tower.

Drei Teilnehmer des Vorjahres bei Buse, damals allesamt Studenten, hatten aber auch ganz andere Beweggründe. "Mein Thema war der Umgang mit räuberischen Aktionären. Dazu gab es in der Tagespresse viel zu lesen und ich fand es schon im Vorfeld interessant. An der Uni wird das Thema aber bestenfalls gestreift", erinnert sich etwa Philip Hagedorn an seinen Essay, der ihm 2012 den zweiten Platz bescherte. Der drittplatzierte Christian Schmitt bestätigt: "Kapitalmarktrechtliche Themen kommen sonst allenfalls im Schwerpunktbereich vor, man kann sich in dem Feld als Student kaum praktisch testen. Der Wettbewerb war daher eine willkommene Herausforderung."

Auch Arne Hammerich, der Sieger des Vorjahres, bestätigt ein Interesse am rechtlichen Thema – und fügt hinzu: "Ich finde nicht, dass ein Text, der einen wissenschaftlichen Anspruch hat, unbedingt versuchen muss, ganz, ganz trocken zu sein. Man kann auch lebhaft und anregend schreiben und dabei trotzdem Aussagen treffen, die Hand und Fuß haben. Man kann selbst entscheiden, wie sehr der eigene Text in Richtung Fachbeitrag oder Feuilleton gehen soll – die Vorgaben sind da relativ locker."

Ernste schreiberische Ambitionen – etwa im Journalismus – verknüpfen die drei nicht mit ihrer Teilnahme. Dennoch sind sie sicher, dass sich sprachliche Gewandtheit im späteren Anwaltsberuf bezahlt machen wird. "Ich denke schon, dass einem die Mandanten schnell weglaufen, wenn man anfängt, denen Meinungsstreitigkeiten aufzuzählen, statt einfach klar zu sagen, wie die Lage ist", meint Hagedorn.

Mit dem Essay allein ist es nicht getan

Die besten unter den Teilnehmern werden noch vor eine weitere Herausforderung gestellt, die ihnen aus dem Studium eher unbekannt sein dürfte. Auf der Siegerehrung in Frankfurt gilt es, den eigenen Essay in einem achtminütigen Vortrag inhaltlich vorzustellen – vor 120 Gästen aus Justiz und Wirtschaft, zu denen 2012 unter anderem der ehemalige McKinsey-Europachef Herbert Henzler zählte.

"Vorträge hält man im Studium zwar auch hin und wieder, aber bei der Präsentation des Essays geht es mehr darum, die Leute anzuregen, im besten Fall mitzureißen. Das ist eine ziemlich andere Situation", findet Hammerich. Hagedorn ergänzt: "Vor lauter beruflich erfahrenen Experten zu sprechen, kann einem schon Lampenfieber bereiten. Aber man muss da einfach mit einem gewissen Selbstbewusstsein rangehen und sich sagen, so, ich habe mich intensiv mit diesem Thema beschäftigt, also kann ich dazu jetzt etwas Spannendes erzählen, auch vor diesem Publikum."

Intensiv beschäftigt, das heißt in diesem Fall ungefähr eine Woche ganztägige Arbeit, von der ersten Recherche bis zum letzten Feinschliff am Text, wie alle drei Teilnehmer in etwa übereinstimmend bestätigen. Im Vergleich zu sonstigen außeruniversitären Projekten wie den großen Moot Courts ist der Aufwand also überschaubar – dafür findet der Wettbewerb auch in einem kleineren Rahmen statt und genießt nicht denselben Bekanntheitsgrad.

Fleißprogramm für besonders karrieregeile Lebenslaufoptimierer, lehrreiche rhetorische Herausforderung oder gar Einstieg ins Autorendasein abseits strenger Fachpublikationen? Am Ende wird jeder eine eigene Schublade finden, in der er Essay-Wettbewerbe verorten will. Wer neugierig geworden ist, der hat dieses Jahr noch bis zum 13. September Gelegenheit, seinen Beitrag bei den Buse Awards einzureichen. Der letzte Wettbewerb von ELSA Deutschland widmete sich der Frage "Wie funktioniert das Online-Grundrecht?" und endete am 13. Juli 2013. Auch der internationale Arm der Organisation bietet in englischer Sprache jährlich Wettbewerbe zu wechselnden, juristischen Themen abseits der Finanzmärkte an.

Zitiervorschlag

Constantin Baron van Lijnden, Juristische Essay-Wettbewerbe: Zwischen Belletristik und Fachbeitrag. In: Legal Tribune Online, 05.09.2013, http://www.lto.de/persistent/a_id/9501/ (abgerufen am: 01.06.2016)

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