Mit Jura nach … Bogotá

Die Stadt der Frühaufsteher

von David Steimle

07.03.2013

Straße in Bogotá

Wer über das Ziel eines längeren Auslandsaufenthalts nachdenkt, dem fällt Kolumbien sicher nicht als Erstes ein. Dessen Ruf ist hierzulande geprägt vom Drogenhandel, Guerillakämpfen und Entführungen. David Steimle hat sich von Vorurteilen nicht abschrecken lassen und das andere Kolumbien kennen gelernt. Das ist authentisch, gerade weil sich kaum ein anderer Gaststudent dorthin verirrt.

"Colombia, el riesgo es que quieras quedar", zu deutsch: "Kolumbien, das Risiko besteht darin, dass Du bleiben möchtest"; als ich vor dem Start meines einjährigen Auslandsstudiums in Bogotá im Wartezimmer des kolumbianischen Konsulats in Frankfurt saß, um mein Visum zu beantragen las ich diesen Werbeslogan. Ein Jahr Kolumbien, ein Jahr Bogotá, ein Jahr Lärm, Abgase und ein öffentliches Verkehrssystem, das aus allen Nähten platzt  - eine Stadt mit knapp sieben Millionen Einwohnern und ich mitten drin.

Pablo Escobar, Koks und Gewalt – wer an Kolumbien denkt, denkt an Kriminalität. Diese Vorurteile tun dem Land nach meinen Erfahrungen absolut Unrecht. Dennoch kann ich nicht leugnen, dass ich anfangs zweifelte: Mein Jura-Studium zu unterbrechen, um ein Jahr kolumbianisches Recht zu lernen, das grob ausgedrückt, den Studienfortschritt in Deutschland nicht wesentlich fördert? Kann das eine gute Idee sein?

Dass ich den Schritt trotzdem wagte statt den bequemeren Weg ins europäische Ausland zu gehen, hatte vor allem zwei Gründe. Erstens kommt man sehr schnell mit den einheimischen Studenten in Kontakt, denn als Austauschstudent in Kolumbien ist man ein bunter Hund: An meiner Gast-Fakultät sind wir genau zwei Ausländer. Zweitens wollte ich eine ganz neue Kultur so kennen lernen, wie es in den festen Strukturen eines Erasmus-Austauschs wahrscheinlich nicht möglich wäre.

Ein Wiedersehen mit Roxin

Wenn New York die Stadt ist, die niemals schläft, dann ist Bogotá, die Stadt, die am frühsten aufsteht.  Die Vorlesungen beginnen um 7 Uhr morgens – zuhause würde ich mich um diese Zeit nochmal im Bett umdrehen. Und wenn der deutsche Otto-Normal-Student dazu geneigt ist, die erste Veranstaltung hin und wieder sausen zu lassen,  ist das hier nicht möglich. Anwesenheit ist Pflicht.

Meinen Weg zur Uni kann ich zwar zu Fuß zurücklegen, doch auch kurze Entfernungen sind in Bogotá ein Abenteuer. Auf den Straßen herrscht das Recht des Stärkeren. Keiner nimmt Rücksicht auf Fußgänger oder Radfahrer; Motorrad-Fahrer drängeln auf dem Mittelstreifen zwischen den Autos hindurch; über allem tönt eine Kakophonie aus Hupen und heulenden Motoren.

Die Mehrheit der kolumbianischen Universitäten haben private Träger. Es gibt keine Massenhörsäle wie in Deutschland, man lernt in kleinen überschaubaren Gruppen, in denen jeder jeden kennt. Die Professoren stehen in engem Kontakt mit den Studierenden, verteilen ihre Handy-Nummer und haben nichts gegen einen Anruf.

Im vergangenen Semester habe ich kolumbianisches Verfassungsrecht, Menschenrechte mit Bezug zu Südamerika sowie die Vorlesung Staats- und Verfassungstheorie gehört. In diesem Semester stehen auf dem Stundenplan: kolumbianisches Arbeitsrecht, kolumbianisches Verwaltungsrecht und das Fach Bioethik und Recht. Die Dozenten sind sehr interessiert an mir, beziehen mich oft mit ein und suchen den Vergleich mit Deutschland. Verständigungsprobleme habe ich kaum, nachdem ich vor allen in den ersten Monaten große sprachliche Fortschritte gemacht habe. Das Spanisch Bogotás ist klar und ohne Akzent, was vieles einfacher macht.

Die Forschung deutscher Rechtswissenschaftler ist auch Gegenstand der Vorlesungen in Kolumbien. Vor allem im Strafrecht ist der Name Roxin allgegenwärtig und die Kodifikation des kolumbiansichen Strafrechts ähnelt sehr der deutschen.

Ausflug in die gringo-freie Zone

Bogotá ist eine Stadt der Kontraste. Während ich gemütlich in einem schicken Restaurant esse, durchwühlt der Obachlose draußen vor dem Fenster Müllsäcke. Viele meiner Kommilitonen wohnen im schickeren Norden der Stadt, in Wohnanlagen sicher abgeschottet durch hohe Mauern. Im Süden der Stadt liegen die Häuser der Armen – dieser Teil der Stadt bleibt Touristen verborgen.

Ich wohne in einer ruhigen Gegend Bogotás, keinesfalls arm und auch nicht superreich, irgendwo dazwischen, zu einem angenehmen Mietpreis. 24 Stunden täglich, sieben Tage die Wochen, hüten zwei "Porteros" (Pförtner) im Wechsel die Eingangstür. Alexi, einer der beiden, will mir mit seinem Motorrad das andere Bogotá zeigen. Den Süden. Alleine würde ich mich nicht hintrauen. Ein "Gringo" hat dort nichts zu suchen.

Die Straßen werden holpriger, manche Gestalten am Straßenrand immer unheimlicher. Nichts mehr sieht man von modernen Einkaufshäusern und Restaurants. Behütet von der starkbefahrenen Schnellstraße brettern wir mit 80 km/h stadtauswärts. Immer wieder hält Alexi an, erklärt mir den Namen des Stadtviertels und welches Klientel da wohnt. Wir sind nach seiner Aussage im ärmsten "Barrio" (Stadtviertel) angekommen. "Banden gibt es hier", erzählt er mir. Die Gehwege sind dreckig und die Grünflächen vermüllt. Gefährlich wird es auf diesem Ausflug zwar nicht. Dennoch, während wir im Zick-Zack-Kurs auf dem Nachhauseweg ein Auto nach dem anderen überholen, stimmen mich die krassen Kontraste der Stadt und die ungewohnte Nähe zur Armut nachdenklich.

Hatte das Werbeplakat damals im Wartezimmer in Frankfurt recht? Will ich gar nicht mehr weg aus Kolumbien? Für eine finale Antwort ist es noch zu früh. Noch vier Monate werde ich hier verbingen. Eines kann ich jetzt schon sagen: Das Risiko hierherzukommen hat sich gelohnt.

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  2. Seite 2: Tipps für alle, die nach Bogotá wollen
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David Steimle, Mit Jura nach … Bogotá: Die Stadt der Frühaufsteher. In: Legal Tribune ONLINE, 07.03.2013, http://www.lto.de/persistent/a_id/8280/ (abgerufen am 01.08.2014)

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Kommentare

07.03.2013 13:02
Ich war dreimal für jeweils 2 Monate in Kolumbien! Ich kann jedem nur ein Studium oder Praktikum bei der Auslandshandelskammer empfehlen. Da Deutschland Kolumbiens zweitgrößter Handelspartner ist, kann man dort Unmengen von Kontakten knüpfen.
Holger Delles Auf diesen Kommentar antworten

08.03.2013 12:53
zeit-und-arbeit.de verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext:
Legal Tribune ONLINE
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