Ausbildungszeitschriften: I read the JuS today, oh boy

von Prof. Dr. Roland Schimmel

06.01.2015

Sie sollen komplizierte juristische Themen für Studenten und Referendare zugänglich machen, Professoren empfehlen ihre Lektüre. So auch Roland Schimmel. Bis seine Studenten ihn baten, zu übersetzen, was sie in JuS, JA und Jura lasen. Ginge das nicht, vielleicht, auch etwas einfacher? Oder: Komplexitätsreduktion als kommunikative Tugend.

 

Einmal im Semester lege ich den Studenten in den Anfängerkursen nahe, regelmäßig eine juristische Ausbildungszeitschrift zu lesen, vielleicht sogar zu abonnieren. Seit kostenlose Online-Angebote wie LTO oder ZJS und Law Journals mit günstigen Preisen den alteingesessenen Zeitschriften Konkurrenz machen, schärfen die ihr Profil. Juristische Schulung (JuS), die Juristischen Arbeitsblätter (JA) und die Juristische Ausbildung (Jura) setzen auf namhafte Verfasser, fokussieren noch stärker auf Prüfungsrelevanz und bringen ausgewählte Beiträge für den Blick auf das große Ganze.

Nicht schlecht, die Empfehlung ihrer Lektüre ist im Allgemeinen nicht folgenschwer. Diesmal aber doch.

Nach zwei Wochen kam ein Student in der Pause zu mir. Er hatte die JA probeabonniert. Schon im ersten Heft war er steckengeblieben, gleich im ersten Aufsatz. Er bat mich, ihm folgenden Auszug zu erklären:

Die dogmatische Erfassung eines Rechtsgebiets ist notwendigerweise mit einer Komplexitätsreduktion verbunden. [Fn.] Sie ist Voraussetzung der Rationalisierbarkeit der Rechts-anwendung, deren Erkenntnisverfahren die Subsumtion ist. [Fn.] Die Formalisierung des Verfahrens wird zugleich mit dem Wissenschaftlichkeitsanspruch der Rechtslehre verknüpft. In der Grundrechtsdogmatik manifestiert sich dieser Anspruch in der Punktualität des Eingriffsbegriffs. Diese ermöglicht auch einen Rationalitätsgewinn auf der Verhältnismäßigkeitsebene. Die Prüfung der Verhältnismäßigkeit wahrt nur durch die juristische Re-duktion des im freien politischen Diskurs zur Verfügung stehenden Abwägungsmaterials die "spezifische Rationalität, die es rechtfertigt, die Abwägung eines Gerichts an die Stelle der Abwägung von Legislative und Exekutive zu setzen. Bei einem globalen Kosten-Nutzen-Vergleich würde die Verhältnismäßigkeit zum Forum einer ‚Freiheitsgesamtbilanz‘. Auf diesem Forum würde sich letztlich die politische Auseinandersetzung fortsetzen, die dem Erlass der Normen vorausgegangen ist. Ein Gewinn für die individuelle Freiheit ist mit dieser Erweiterung der politischen Sphäre nicht verbunden." [Fn.]

Ich las, stockte … - Nein, natürlich stockte ich nicht den kleinsten Augenblick. Keine Sekunde, nicht ich. Ich antwortete vielmehr wie aus der Pistole geschossen: "Ganz einfach, das heißt so viel wie: '[…]'"*. Aber es hat mich doch ein wenig Mühe gekostet, den Text simultanzuübersetzen, zumal mein Öffentliches Recht etwas eingerostet ist.

Das Legitimationspotenzial von Formen emergenter Kollektivität

Nur wenige Tage später kam eine Studentin in die Sprechstunde. Sie hatte noch nicht abonniert, sondern zunächst in der Bibliothek ein paar Hefte der JuS aus dem laufenden Jahrgang zur Hand genommen. Nun zögerte sie. Was sie denn betrübe, frug ich. Darauf legte sie mir folgendes Zitat vor, beschämt ob ihrer eigenen Begriffsstutzigkeit:

Assoziative demokratische Legitimation ist von ihrer Zielrichtung ebenfalls nicht auf bestimmte Organisationsformen beschränkt, sondern auf demokratische Handlungsformen der Zivilgesellschaft bezogen. Daraus folgt, dass auch Formen emergenter Kollektivität und damit insbesondere zivilgesellschaftliche Schwarmphänomene demokratische Legitimationspotenziale entfalten.

Diesmal zögerte ich. Weil mir emergent nicht geläufig war. Clever schlug ich vor, den Einführungsteil des Aufsatzes zu lesen, wo derlei gewiss erklärt werde. Und so war es dann auch:

Ein anderer [sic] Ansatz, die politischen Dimensionen digitaler Kommunikation zu verstehen, bildet die Akteur-Netzwerk-Perspektive. Sie fokussiert auf Akteurskonstellationen und deren Netzwerkeffekte. Eine dieser neuen Formen sozialer Assoziation sind menschliche Schwärme. Schwarmintelligenz und Schwarmphänomene werden in politischen und theoretischen Diskursen vorschnell abgewertet[Fn.] und damit regelmäßig unterschätzt:[Fn.] Die globale Ubiquität (im)mobiler Kommunikationstools führt in Verbindung mit der Herabsetzung der Kommunikationskosten zu einer interaktiven Nutzung massenhaft vernetzter Kommunikationsmedien, die das alltägliche Online- und Offline-Leben verbinden. Dadurch kollabieren die zeitlichen Hürden, die räumlichen Distanzen und die finanziellen Kosten der Selbstorganisation. Dies vereinfacht die latente Gruppenbildung mit durchschlagender sozialer, politischer und wirtschaftlicher Wirkung. Auf diese Weise kann sich Schwarmintelligenz entfalten:[Fn.] Individuen finden spontan ohne zentrale Steuerung und hierarchische Organisation zu emergenten Verhaltensweisen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass ihre kollektive Wirkung über die Summe der einzelnen Handlungsbeiträge hinausgeht.

*Anm. d. Red.: LTO lässt normalerweise keine Leerstellen in Texten stehen. Ausnahmsweise hier aber einmal doch. Wer ahnt, was der Autor an dieser Stelle gesagt hat, schreibe bitte keinesfalls uns, sondern allenfalls den Kollegen bei der JA, der JuS oder der Jura eine Mail.

Zitiervorschlag

Roland Schimmel, Ausbildungszeitschriften: I read the JuS today, oh boy. In: Legal Tribune Online, 06.01.2015, http://www.lto.de/persistent/a_id/14278/ (abgerufen am: 23.07.2016)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 06.01.2015 12:14, Christoph Smets

    Ich denke, eine Erklärung ist leicht gefunden: Komplexe Expressionen und Syntax in fachgebunden Medien, kombiniert mit hochquantitativen Fachwortverwendungen im Nominalstil sind sowohl das Resultat fachlinguistischer Sozialisierungsprozesse während des Studiums als auch Demonstration codesprachlicher Kompetenz zur Akkzeptanz in der peer group und der (scheinbaren) Demonstration materiellfachlicher Kompetenz zur Begründung oder Festigung einer peer group reputation.

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  • 06.01.2015 14:49, Karl-Theodor

    Den als Beispiele zitierten Aufsätzen hätte eine gewisse Komplexitätsreduktion sicher nicht geschadet. Dass sich die rechtswissenschaftliche Ausbildungsliteratur an den Fähigkeiten und Bedürfnissen von Studierenden der lediglich teiljuristischen FH-Kurzstudiengänge auszurichten hätte, muss aber in Frage gestellt werden.

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    • 06.01.2015 16:07, Scharfrichter

      Das hat auch keiner verlangt.

      Wie aber der Altmeister Karsten Schmidt ein ums andere Mal in den Entscheidungsdarstellungen in der JuS demonstriert, schließen sich gut verständliche und dabei sprachlich niveauvolle Beiträge und inhaltliche Tiefenschärfe keineswegs aus.

      Da könnten sich einige der vor sich hin publizierenden Nachwuchsstars mal eine Scheibe von abschneiden.

    • 06.01.2015 16:16, r.nuwieder

      Bitte verwechseln sie sprachliche Hochtraberei nicht mit inhaltlicher Komplexität. Beides ist im Regelfall voneinander unabhängig. Soweit sollte man sein, wenn man FHs per se ein niedriges fachliches Niveau unterstellt.

  • 06.01.2015 15:22, Naja

    Zum Leidwesen der Studenten bekommen Hochschul-Professoren ihr Geld halt nicht wie Anwälte dafür, komplexe Fragen einfach zu erklären, sondern umgekehrt.

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  • 06.01.2015 16:14, LX5

    Vielen Dank für diesen Beitrag! Es zeigt sich doch, dass ein guter Jurist nur der ist, der in der Lage ist, schwierige Rechtsprobleme ansprechend und verständlich aufzubereiten. Bestenfalls sollten in Ausbildungszeitschriften wohl nur gute Juristen veröffentlichen dürfen, um als gutes Beispiel zu dienen.

    Der zitierte Aufsatz zum Verhältnis zwischen Schwarm und Demokratie hatte mich damals erst etwas erheitert (besonders empfehlenswert sind die zoologischen Entdeckungen des Verfassers) aber dann auch beinahe veranlasst, Redaktion und Autor zu fragen, ob ihnen ihr Leserkreis eigentlich bekannt ist. Was jedoch speziell diesen Beitrag anbetrifft, zeigte sich bei näherem Hinsehen, dass er bereits genau das tat, was Herr Schimmel auch bei der Übersetzung empfiehlt: Bluffen. Dieser Aufsatz erweist sich als recht inhaltleeres und umso aufgeblaseneres Gebilde, das der Redaktion einer altehrwürdigen Redaktion der JuS nicht hätte durchgehen dürfen.

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    • 09.01.2015 11:12, Ich verstehs nicht

      Was die Wörter „emergente Kollektivität", „Ubiquität", „Multitude", „Entomologie", „deliberativ", „selegieren", „auto-paternalistisch" und noch viele andere aus dem Aufsatz zur Schwarmdemokratie mit einem Blick über den Tellerrand zu tun haben, und auch nur einem einzigen Studenten oder Referendar an Mehrwert mitgeben sollen, erschließt sich mir nicht. Ich habe den Text mehreren Studenten, Referendaren und Assessoren vorgelegt, und nicht einer fand ihn verständlich. Es kann nicht Ziel einer Ausbildungszeitschrift sein, einen Artikel nur mit Fremdwörterlexikon verständlich zu machen.

      Selbstverständlich bedarf juristische Sprache einer gewissen Komplexität. Man schreibt schließlich nicht für die BILD. Sinn und Zweck ist aber die Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten an angehende Juristen!

    • 09.01.2015 11:56, Ich verstehs nur mit Mühe

      Ich habe den Text zur Sicherheit noch ausgesuchten Habilitanden vorgelegt. Die hatten auch so ihre Schwierigkeiten. Aber einer von ihnen hat mich auf dies hier hingewiesen: http://www.worte.at/# (ähnlich übrigens http://pdos.csail.mit.edu/scigen/). Vielleicht ist das die ganz einfache Erklärung.

  • 06.01.2015 17:45, Springer

    Wenn schon eine Ausbildungszeitschrift oder deren Autoren nicht in der Lage sind rechtliche Probleme einfach darzustellen, dann lohnt es meist nicht, die Zeitschrift weiterzulesen. Vielmehr sollte man dann selbst nach Lösungen suchen. In Rechtsprechung und Literatur.

    Zumal es ein guter Rat ist, nicht alles für bare Münze zu nehmen, was der Professor "verkaufen" will. Selbst denken ist der Grundpfeiler jeder eigenen Entwicklung.

    Der Artikel hat mich aber in dem bestätigt, was ich über die Jahre aus der Universität mitgenommen habe: Wer das Problem und die Lösung nicht mit einfachen Worten darstellen kann, der hat selbst beides nicht verstanden.

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  • 06.01.2015 21:56, LTO-Leser

    Den Königsweg zur Vermeidung des Vorwurfs unverständlicher Ausdrucksweise in rechtswissenschaftlichen Beiträgen scheint der Autor Schimmel allerdings schon vor Jahren gefunden zu haben: dem Abfassen rechtswissenschaftlicher Beiträge gleich gänzlich zu entsagen.

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    • 07.01.2015 10:11, Laser

      Mich stört das auch. Kann man dagegen denn gar nichts tun?

  • 07.01.2015 15:05, Martin R.

    Ich weiß, das es einfacher geht, zumindest der dritte Text zur Bewertung der Wirtschaftlichkeit allgemeiner Geschäftsbedibgungen ist in deutscher Literatur so üblich. Schäfer/Ott und ähnliche Fachbücher zu dem Thema lesen sich so. Da kann ich die Amerikaner empfehlen. Die kriegen das im Schlaf besser und flüssiger hin als ich wenn ich mir Mühe gebe.

    Juristisches Ausdrucksverkorksen ist die etwas hochnäsige, hedonistische Art sozialer Abgrenzung oder einfach keiner verstehts und damit verdient der Jurist sein Geld ;-)

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  • 08.01.2015 10:24, Judge Jon

    Das belegt nur, dass FHs den Anforderungen der Rechtswissenschaften im klassischen Sinn eben nicht gewachsen sind

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    • 08.01.2015 11:06, Roland Schimmel

      Ich bin sicher: Jeder auch nur durchschnittlich gute Absolvent eines universitären Jurastudiums hat mit den zitierten Texten überhaupt kein Problem. Überlege gerade, ob ich sie nicht einfach in der nächsten mündlichen Staatsexamensprüfung mal zur Diskussion stelle.
      Übrigens höre ich Äußerungen wie die von Judge Jon immer wieder. Klingt da ein Abgrenzungsbedürfnis durch? Oder gar die Sorge, von der Konkurrenz überholt zu werden?

    • 08.01.2015 16:09, LX5

      Ob Judge Jon wohl Winkler, Kersten oder Heyers mit Nachnamen heißt?

      Aber ist es denn nicht auch ein Gewinn, wenn uns universitären Glanzlichtern hin und wieder mal vom FH-Pöbel vorgeführt wird, dass unsere Glühbirne doch ein wenig milchig ist? Zum Glück braucht der sich ja nicht schämen, dass er diese intellektuellen Höchstleistungen kognitiv nicht verarbeiten konnte; hat ja eh keiner erwartet...

      Herr Schimmel, Ihr gelungener Beitrag scheint den Hund betroffen zu haben, der jetzt laut anfängt zu bellen.

  • 08.01.2015 11:34, Jurastudentin

    Dürfen FH-Dozenten denn überhaupt im juristischen Staatsexamen prüfen? Erschreckend - sie haben mit der Ausbildung zukünftiger Volljuristen nichts am Hut und werden auf diese losgelassen. Wer es nur an die FH geschafft hat, sollte nicht im Staatsexamen prüfen dürfen.

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    • 08.01.2015 11:40, Roland Schimmel

      Vermutlich haben Sie recht. Wer an einer FH studiert oder gar lehrt, kann maximal den IQ einer Tomate haben. Aber einige von uns sind so außergewöhnlich brillant oder gar exzellent, daß sie im Staatsexamen prüfen. Wegen der Einzelheiten fragen Sie am besten Ihr örtliches JPA. Und natürlich: Viel Erfolg im Examen!

    • 08.01.2015 13:47, Christoph Smets

      Genau, denn Prüfer im Examen darf ja nur sein, wer selbst an einer Universität lehrt, so wie Richter, Staatsanwälte und Anwälte... moment.

    • 08.01.2015 15:38, Prüfer

      Jedenfalls die meisten JPAs scheinen aus Prinzip keine FH-Professoren zu nehmen - mit Recht, da diese anders als "Richter, Staatsanwälte und Anwälte" auch keine Praxiskenntnisse in die Prüfung einzubringen haben. Abgesehen davon würde ich mir als Arbeitgeber von FH-Professoren (Bundesland) auch entschieden wünschen, dass die FH-Professoren ihre Arbeitskraft in die Ausbildung und Prüfung von FH-Studenten investieren und nicht in die der Jurastudenten.

    • 08.01.2015 17:28, auch prüfer

      Die Praxiskenntnisse sind Berufungsvoraussetzung für Professoren an FHen. Das schreiben die Landeshochschulgesetze vor. Manchen FH-Professoren haben mehr (z.B. anwaltiche) Berufserfahrung als viele sonstige Praktikerprüfer. Und wenn ein Land oder eine Hochschule Bedenken gegen die Nebentätigkeit eines Professors als Prüfer im Staatsexamen hat, genehmigt es die Nebentätigkeit nicht. Eigentlich ganz einfach.
      Aber die "Jurastudentin" kann gleichwohl Rechtsmittel gegen ihre Bewertung in der Staastprüfung einlegen, weil eienr ihrer Prüfer ein Dummkopf war. Ist schließlich ein Rechtsstaat. Good luck.

    • 11.01.2015 12:50, Oliver Twist

      @Jurastudentin

      Dafür dass Sie selbst keinerlei juristischen Abschluss haben, der sie zu irgendetwas qualifiziert, urteilen Sie ziemlich hart über die juristische Qualifikation anderer.

    • 24.01.2015 21:29, Erfolgreiche Ex-Examenskandidatin

      Liebe Jurastudentin, Ihre Aussage ist regelrecht erschreckend. Ein rechtslehrender FH-Professor hat zwei Staatsexamen wie jeder andere Professor oder Praktiker in den Kommissionen der mündlichen Prüfung auch. Das hat nichts mit der fachlichen Qualifikation zu tun. Zumal, wie auch bereits erwähnt wurde, der FH-Professor bereits eine erfolgreiche Praktikerkarriere hinter sich gebracht haben mag. Weshalb darf dieser dann nicht mehr prüfen?
      Ich persönlich habe so etliche mündliche Prüfungen besucht und hatte meine eigene bei Prof. Dr. Schimmel. Ich "bürge" für seine fachliche Qualifikation! ;-)

      ...und die Ausnahmen bestätigen die Regel!

  • 09.01.2015 08:54, Lehrer und Prüfer

    Die gewählten Beispiele sind gut herausgepickt und vielleicht nicht unbedingt ein Ruhmesblatt. Aber vielleicht sollte man sich die Hefte, in welchen sie erschienen sind, ganz ansehen: Juristische Ausblidungszeitschriften sind für einen Leserkreis vom Erstsemester bis zum Referendar und können daher durchaus Artikel unterschiedlicher Zielgruppen und Niveaus haben. Sie dürfen und sollen auch mal über den Tellerrand schauen, sonst kann man gleich die Repetitor-Postille lesen. Sie sind eben nicht nur Sammlungen von Lösungsskizzen und Aufbauschemata. Dass ein guter Autor komplexe Zusammenhänge auch einfach erläutern können sollte, ist aber zuzugeben. In den allermeisten Fällen findet das auch statt.

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    • 09.01.2015 10:29, PrüfenderundLehrender

      Finde ich auch. Die Texte sind gewiß nicht repräsentativ. Das können JuS, Ja, Jura und deren Autoren weitaus besser. Und ganz gewiß sollte eine Ausbildungszeitschrift auch einem Fortgeschrittenen noch etwas bieten. Thematisch sind alle drei Texte für Erstsemester vermutlich zu fernliegend, für Fortgeschrittene dagegen allemal interessant. (Trotzdem bleibt die Frage: Für wen sind sie gut verständlich?). Es ist wohl auch kein Zufall, daß der Verfasser Life&Law und die Rechtsprechungsübersicht gar nicht erst erwähnt.
      Da kratzt der Beitrag, obwohl nicht repräsentativ und im Ansatz eher amüsant, am Grundsätzlichen: Darf man in eienr Ausbildungszeitschrift, die ihren Namen verdient, das Bemühen um so etwas wie "gute Lehre" erwarten? Sind Texte, die eigentlich eher in einer Archivzeitschrift oder Festschrift begraben gehören (stilistisch, nicht was die Themenwahl betrifft), so etwas wie "gute Lehre"? Darüber zu reden könnte lohnen.

  • 09.01.2015 08:58, Andreas Ruckes

    Texte mit einem aufgeblähten Komplexitätsgrad verfehlen ihr eigentliches Ziel: Transport von Informationen. Wer's richtig drauf hat, der braucht keine schwülstigen Formulierungen. Ich halte selbst hin und wieder Vorträge und beim Basteln der Folien (Segen und Fluch von PPT - anderes Thema) besteht für mich immer wieder die größte Schwierigkeit darin, aus einer umfangreichen Regelung die eigentliche Essenz, die Aussage, die dahinter steht, herauszuarbeiten und in 1-3 Bulletpoints zu bringen. Erst, wenn einem das gelingt, hat man die Regelung verstanden. Gleiches gilt m.E. bei Aufsätzen. Mehrfach verschachtelte Sätze, die unnötige Verwendung von Fremdwörtern - das alles ist bullsh... Wie sagte schon die Mutter von Didi Hallervorden in "Didi und die Rache der Enterbten"?: "Junge, sprich deutlich und in ganzen Sätzen" :)

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  • 09.01.2015 11:27, Hans Karl

    Der permanente Abusus von Termini Technici konduiert zu einer elitären Noxe der linguistischen Sensibilität

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  • 11.01.2015 13:13, RiAG

    Zum Thema Komplexitätsreduzierung empfehle ich zivilrechtliche Verfahren vor dem Amtsgericht, wenn beide Parteien auf einen Rechtsanwalt verzichten. Da kommt man als Jurist schon bei der Erklärung einfacher juristischer Sachverhalte zuweilen ganz schön ins Schlingern. Je geringer der Bildungsgrad der Parteien, desto schwieriger.

    Um auf das Thema des Autors zurückzukommen: Die Autoren der Beispiele haben offensichtlich aus den Augen verloren, wer der Adressat der Zeitschriften ist. Und auch die Redaktionen haben sie wohl nicht daran erinnert.

    Zur Ehrenrettung der Jurastudenten (oder zu meiner Schande): Bis auf das zivilrechtliche Beispiel habe ich die Auszüge auch nicht verstanden. Allenfalls hatte ich eine grobe Idee, worum es gehen könnte.

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  • 13.01.2015 11:32, Kristof M. Kamm

    Von Zeit zu Zeit schaffen es doch recht erheiternde Kommentare in die LTO - besten Dank dafür auch dem Kollegen Smets!

    Bedauerlich finde ich hingegen, mit welcher Verbissenheit hier eine Sachdiskussion ihres eigentlichen Themas beraubt wird und dem Pflegen persönlicher Befindlichkeiten weicht: Muss wirklich darüber gestritten werden, ob Lehrende an einer FH mehr oder weniger kompetente Juristen sind? Oder welche Absolventen klüger sind?
    Es genügt doch ein Blick in die Lehrpläne der Fachhochschulen und Universitäten um zu erkennen, dass jeweils unterschiedliche Lernziele - und das auch vermittels unterschiedlicher Methodik - verfolgt werden. Beide Hochschulformen tragen zur Diversifizierung der Ausbildungsmöglichkeiten bei, was auch bitter Not tut. Wer künstlich eine Vergleichbarkeit herbeizureden versucht, hat m.E. diesen Unterschied nicht verstanden.

    Und was die Prüfungen angeht... Die Prüfung folgt, ihrem Abschluss einer Lerneinheit angemessen, den hochschulübergreifenden Usancen: Es gibt gute Prüfer und schlechte Prüfer. Ebenso wie es gute und schlechte Dozenten gibt. Und zwar an Fachhochschule und Universität gleichermaßen - ich wage sogar die These: ohne, dass es hinsichtlich der jeweiligen Anteile quantitative Unterschiede gibt.

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  • 13.01.2015 15:46, ORR

    Es ist immer wieder betrüblich, wie Mitglieder unserer Zunft durch eine möglichst gestelzte und wissenschaftlich klingende Ausdrucksweise versuchen, sich zu profilieren. Eine anderen Grund, als sich von den "weniger gebildeten" sprachlich abzugrenzen, mag ich Aufsätzen wie den oben zitierten nicht zu erkennen. Gerade dem guten Juristen gelingt es, komplexe Dinge auf das wesentliche herunterzubrechen, sowohl fachlich als auch sprachlich.
    Was die sog. Ausbildungszeitschriften angeht: Bereits im Studium habe ich mich regelmäßig über Literatur geärgert, die offenbar mehr dazu diente, die vermeintliche geistige und sprachliche Überlegenheit des Verfassers zu demonstrieren anstatt dem Leser ein Rechtsproblem verständlich zu machen. Die Konsequenz war für mich, diese Zeitschriften höchstens noch bei der Kontrolle von Zitaten hinzuzuziehen und ansonsten mit verständlicherem Material zu lernen; seien es die Unterlagen der einschlägigen Repetitorien oder bspw. - ohne Schleichwerbung zu machen - die zu meiner Zeit lilafarben eingebundenen Strafrechtslehrbücher.
    Ich freue mich, wie viele Online-Angebote es mittlerweile gibt, die genau in diese Lücke ("Verständlichkeit") stoßen und den althergebrachten Ausbildungszeitschriften die längst überfällige Konkurrenz machen. Denn unverständliche Lehraufsätze braucht kein Mensch. Ich kann jedem Studenten nur raten, den Mut zu haben, diese zu ignorieren. Mir hat es nicht geschadet.

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  • 13.01.2015 21:35, Karl-Theodor

    Wenn Jurastudenten ständig derart anspruchsvolle Texte - die Behauptung, sie seien nicht nur anspruchsvoll, sondern geradezu "unverständlich", disqualifiziert nur den Kritiker - lesen müssten, wären sie zweifellos überfordert. Einmal im Quartal kann man sowas aber auch einem (fortgeschrittenen) Studierenden der Rechtswissenschaft zumuten, eben weil er sich für ein wissenschaftliches Universitätsstudium und nicht für einen teiljuristischen FH-Kurzstudiengang entschieden hat. Im Dreijahresturnus die Basics durchzunehmen, womöglich noch in "leichter Sprache", kann doch auch nicht im Ernst als Aufgabe juristischer Ausbildungszeitschriften angesehen werden - wer sowas sucht, mag sich in der reichhaltigen Skriptenliteratur bedienen.

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  • 14.01.2015 07:24, Laser

    Könnten Sie bitte mal eine Handvoll Beispiele für Texte in "leichter Sprache" posten, die in Ausbildungszeitschriften erschienen sind? Ich kann mich gerade an keinen erinnern.

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  • 30.01.2015 12:09, Beobachter

    Es ist schon erstaunlich, wie langlebig der Dünkel der Universitäten gegenüber den Fachhochschulen, ihren Lehrenden und ihren Studierenden ist. Das ist nur dem Umstand zuzurechnen, dass man Curricula und Anforderungen der FHs weitgehend nicht zur Kenntnis nimmt. Der zunehmend einzige Unterschied zwischen Universität und der FH ist, dass man an der Universität nur mehr von dem lernen muss, was manche Juristen dort und anderswo für Wissenschaft halten, als an der FH. Insofern ist Bescheidenheit und Zurückhaltung durchaus angesagt - zumal manches FH-Curriculum mehr wissenschaftsfreundliche Grundlagenorientierung verspricht und verlangt, als ein 08/15 abgerissenes Jurastudium an einer Universität.

    Dass der Schimmelsche Befund kein zufälliger, sondern ein symptomatischer für die Ausbildungsliteratur in der Rechtswissenschaft ist, kann man kaum bestreiten. Er ließe sich mühelos auf Lehrbücher erweitern. Dass das Fach nicht konsequent zwischen wissenschaftlicher Literatur und Ausbildungsliteratur trennt, vermag man schon an der Zitiersatisfaktionsfähigkeit von "Ausbildungsliteratur" in (höchst-)richterlicher Rechtsprechung ermessen.

    Es ist die Lebenslüge der Rechtswissenschaft, die sich ihrer eigenen Bedeutung und Wissenschaftlichkeit seit jeher ungewiss ist, zu glauben, sie gäbe ihren Anspruch preis, würde sie sich in der Ausbildung um Anschlussfähigkeit an die Studierenden bemühen. Man kann anspruchsvolle Themen verständlich aufbereiten. Wer das nicht kann, mag ein guter Forscher sein, ein guter Lehrer/Autor ist er nicht (oder sie, respektive).

    Dass es anders geht, zeigt etwa die "Grundwissen Öffentliches Recht"-Reihe in der JuS, die von niemand Geringerem als dem Präsidenten des BVerfG Andreas Voßkuhle ko-autorschaftlich verantwortet wird.

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