VG Karlsruhe zur deutschen Sprache: Türkin muss nach 30 Jahren zum Integrationskurs

27.11.2012

Eine seit 30 Jahren in Deutschland lebende Türkin muss fortan einen Integrationskurs besuchen. Da sie sich nicht einmal auf einfache Art in deutscher Sprache verständigen könne, sei sie in besonderer Weise integrationsbedürftig. Das ging aus einer am Montag bekannt gewordenen Entscheidung des VG Karlsruhe hervor.

 

Die 61-jährige Frau hat sechs Kinder, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Ihr Ehemann ist Inhaber eines Lebensmittelladens. Bei einem Termin stellte die Ausländerbehörde fest, dass sie der deutschen Sprache nicht mächtig ist und verpflichtete sie daher zur Teilnahme an einem Integrationskurs.

Dagegen klagte die Türkin vor dem Verwaltungsgericht (VG) Karlsruhe. Ihrer Ansicht nach habe sie ihre Integration durch ihren langjährigen Aufenthalt in Deutschland unter Beweis gestellt. Ihre sechs Kinder seien gut ausgebildet und zahlten Steuern. Wegen der Berufstätigkeit ihrer Kinder müsse sie die Enkelkinder betreuen. Ihre Sprachdefizite seien nicht auf fehlende Integration zurückzuführen, sondern darauf, dass sie Analphabetin sei.

Hohes staatliches Interesse an Verständigung

Dem ist die 4. Kammer des VG nicht gefolgt. Die Frau könne sich nicht einmal auf einfache Art in deutscher Sprache verständigen, was sich auch in der mündlichen Verhandlung vor Gericht gezeigt habe, in der sie kein Wort Deutsch gesprochen habe. Es bestehe ein besonders hohes staatliches und gesellschaftliches Interesse daran, dass sich alle auf Dauer in Deutschland lebenden Ausländer zumindest auf einfache Art sprachlich verständigen könnten. Die vom Gesetz geforderte Integration lasse sich durch die Integration ihrer Kinder nicht kompensieren.

Die Teilnahme an dem Kurs sei der Klägerin auch zumutbar. In der näheren Umgebung ihres Wohnorts würden Kurse angeboten, die auf Analphabeten und Personen zugeschnitten seien, die noch nie im Leben eine Schule besucht hätten. Auch die Betreuung ihrer Enkelkinder sei damit vereinbar, da die Unterrichtsangebote auf solche Bedürfnisse abgestimmt seien (Urt. v. 10.10.2012, Az. 4 K 2777/11). Die Frau hat mittlerweile beim Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim die Zulassung der Berufung beantragt.

 plö/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

VG Karlsruhe zur deutschen Sprache: Türkin muss nach 30 Jahren zum Integrationskurs. In: Legal Tribune Online, 27.11.2012, http://www.lto.de/persistent/a_id/7645/ (abgerufen am: 24.07.2016)

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Kommentare
  • 27.11.2012 11:58, Zweifler

    Ein Unsinn. Natürlich ist es enorm wichtig, die Sprache zu lernen, wenn man dauerhaft in einem Land leben will, schon sich selbst zuliebe. Aber eine solche Maßnahme für eine 61jährige, die seit 30 Jahren hier lebt, ist schlicht Schikane. Wenn man wirklich die Bildung von "Parallelgesellschaften" verhindern will, muss man aufhören, ins Land kommende Ausländer unter anderen Ausländern anzusiedeln, sondern für Mischung sorgen, sie also dorthin schicken, wo Deutsche leben. Die Integration (beiderseits) funktioniert dann von selbst.

    Ich weiß, wovon ich spreche. Ich war selbst lange Jahre im Ausland. Erst lebte ich in einer mehrheitlich deutschen Community, was wenig förderlich war. Erst als ich in eine von Einheimischen dominierte Gegend ging, in der auch niemand Deutsch sprach, kam ich voran, lernte schnell die Landeskultur kennen und lernte die Spracxhe innerhalb weniger Monate. Funktionieren kann das aber nur, wenn die Einheimischen dafür offen sind und den "Fremden" wohlwollend aufnehmen. Ich habe meine Zweifel, ob das in Deutschland auch möglich wäre.

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  • 01.12.2012 13:10, Gast01

    Die Entscheidung der Richter kann ich nur unterstützen. Allein die Beschreitung des Klageweges zeigt doch schon den Unwillen, sich in Deutschland integrieren zu wollen.

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