LG Saarbrücken verurteilt Gutachterin: 22 Monate unschuldig in Haft - 50.000 Euro Schadensersatz

30.01.2015

683 Tage saß ein 71-jähriger Mann unschuldig im Gefängnis. Eine gerichtlich bestellte Gutachterin war zu dem Ergebnis gekommen, er habe seine Pflegetochter missbraucht. Dann stellte sich heraus, dass das Gutachten wissenschaftlichen Standards nicht genügte. Das LG Saarbrücken verurteilte die Gutachterin am Donnerstag wegen ihrer fehlerhaften Expertise zur Zahlung von 50.000 Euro.

 

Zu Unrecht hatte ein 71-Jähriger wegen sexuellen Missbrauchs seiner Pflegetochter im Gefängnis gesessen, nun soll der Mann 50.000 Euro erhalten. Ein psychologisches Gutachten, das zu seiner Verurteilung geführt hatte, habe wissenschaftliche Standards nicht eingehalten und sei insofern grob fahrlässig erstellt worden, befand das Landgericht (LG) Saarbrücken am Donnerstag. "Der Kläger hätte nie verurteilt werden dürfen", hieß es zur Begründung (Urt. v. 30.10.2015, Az. 3 O 295/13).

Der 71-Jährige hat deshalb die damalige Gutachterin verklagt. Das Gericht hält eine Summe von 50.000 Euro Schadensersatz für die gesundheitlichen und psychischen Folgen von 683 Tagen Haft für angemessen. Dazu komme die Haftung für mögliche künftig auftretende Folgen.

Das Justizopfer hatte ursprünglich auf 80.000 Euro Schmerzensgeld geklagt. Nach Angaben seiner Anwältin akzeptiere er aber die Entscheidung des Gerichts.

Der Kläger war aufgrund des Gutachtens wegen Missbrauchs seiner Pflegetochter verurteilt worden. In einem Wiederaufnahmeverfahren wurde das Urteil nach fast zwei Jahren Haft aufgehoben. Grundlage dafür war ein Gutachten aus einem späteren Zivilprozess der Pflegetochter, das der ursprünglichen Expertise Mängel und Fehleinschätzungen bescheinigte.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Ob die Gutachterin Einspruch einlegt, war zunächst offen. Weder sie noch ihr Rechtsbeistand waren zur Urteilsverkündung erschienen.

dpa/mbr/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

LG Saarbrücken verurteilt Gutachterin: 22 Monate unschuldig in Haft - 50.000 Euro Schadensersatz. In: Legal Tribune Online, 30.01.2015, http://www.lto.de/persistent/a_id/14527/ (abgerufen am: 25.05.2016)

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Kommentare
  • 30.01.2015 21:07, Richard Schirmer

    Endlich wird das BGH-Urteil vom 30.07.1999 auch auf dieser Ebene konsequent umgesetzt. Endlich wird das Ende der Küchenpsychologie eingeleitet.
    R. Schirmer
    Diplom-Psychologe

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  • 03.02.2015 21:48, Jens Müller

    Und wie hat es das Gericht geschafft, dieses nicht nur falsch, sondern auch wissenschaftliche Standards verfehlende Urteil wertend nachzuvollziehen? Müssten die nicht genauso dran sein?

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    • 13.10.2015 19:30, Dieter Zink

      Hallo,
      Die gehören genau so weggesperrt wie dieser Mann.
      Auch mir ging es einmal so nur es war ein anderer Fall.

  • 05.02.2015 21:20, Bad Cat+No1

    Der Richter ist für so etwas nicht qualifiziert. Seine Aufgabe beschränkt sich auf juristische Schlussfolgerungen, medizinische, psychologische, technische (etc.) Fragen werden allein von den Sachverständigen beantwortet und auch verantwortet. Selbst wenn ihm Zweifel kommen (was anhand der Komplexität vieler Sachfragen nicht selbstverständlich ist), kann er höchstens ein Obergutachten anordnen. Dies geschieht jedoch höchst selten, zumindest wenn die Verteidigung ihrerseits keine EInwände bzw. kein eigenes Gutachten präsentiert.

    Und hier wären wir auch bei der entscheidenden Frage im vorliegenden Fall: Was hat eigentlich der Verteidiger im Prozess gemacht? Ihm liegt das Gutachten vollständig vor, bevor es in den Prozess eingeführt wird, ihm obliegt es, Schwachstellen zu hinterfragen, die Reputation des Gutachters zu klären und eine mangelnde WIssenschaftlichkeit dem Gericht zur Kenntnis zu bringen. Ein eigenes Gutachten in Auftrag zu geben wäre natürlich auch möglich!

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