Alternative Vergütungsmodelle: "Stun­den­honorar setzt die fal­schen Anreize"

Interview von Dr. Anja Hall

13.04.2015

Die neu gegründete Wirtschaftskanzlei Pier 11 aus Hamburg verabschiedet sich von der Abrechnung nach Stundenhonorar. Stattdessen wollen die Anwälte schon vor der Mandatierung ein verbindliches Honorar mit ihrem Mandanten vereinbaren. Stephan R. Göthel, einer der Gründungspartner von Pier 11, erläutert im Interview, welche Idee dahinter steckt.

 

LTO: Statt wie in Wirtschaftskanzleien üblich nach einem Stundenhonorar abzurechnen, bieten Sie Beratung zu einem vorab vereinbarten Festpreis an. Warum?

Prof. Dr. Stephan R. GöthelProf. Dr. Stephan R. Göthel: Zum einen fordern Mandanten dies zunehmend. Wenn ein Unternehmen einen Anwalt auf der Basis eines Stundenhonorars mandatiert, ist am Anfang oft unklar, was die Beratung am Ende kostet. Aber die Budgetvorgaben in den Unternehmen werden enger, Preissicherheit ist den Rechtsabteilungen deshalb wichtig. Für eine Mandatierung kann es daher heutzutage entscheidend sein, wenn der Anwalt vorher sagt, was es nachher kostet und damit genauso unternehmerisch handelt wie der Mandant.

Außerdem sind wir davon überzeugt, dass das Stundenhonorar die falschen Anreize setzt. Es richtet den Blick auf die Quantität und nicht auf die Qualität der Arbeit. Letzteres ist jedoch das Entscheidende für den Mandanten. Mit unserer Honorargestaltung bringen wir die Interessen des Mandanten mit unseren in Einklang. Wir gehen mit dem Mandanten ins Risiko und handeln damit so unternehmerisch wie er. Wir sind davon überzeugt, dass dies vertrauensfördernd ist.

"Feste Caps bietet kaum ein Anwalt von sich aus an"

LTO: So neu ist die Idee aber nicht, Caps und Pauschalen gibt es ja schon...

Göthel: Das stimmt. Aber solche Honorarabreden sind häufig nur sogenannte weiche Vereinbarungen. Das heißt, es wird vereinbart, dass man sich nach Erreichen einer Obergrenze mit dem Mandanten zusammensetzt und noch einmal über das Honorar spricht. Feste Caps bieten Anwälte jedenfalls kaum von sich aus an. Und wenn ein Anwalt einen Festpreis vorschlägt, dann überlegt er sich, wie viele Stunden er für das Mandat braucht. Wir gehen einen anderen Weg.

LTO: Wie sieht dieser Weg aus?

Göthel: Wenn ein Anwalt sein Honorar kalkuliert, betrachtet er üblicherweise die Kosten und überlegt sich, wie viele Stunden er braucht, um die Kosten zu decken und ausreichend Gewinn zu erzielen. Je höher die Kosten mit hochbezahlten Associates sind, desto höher müssen die Zahl der abgerechneten Stunden oder das Stundenhonorar sein.

Wir haben unsere Kosten natürlich auch im Blick, und müssen dies auch. Aber für die Honorargestaltung orientieren wir uns am Mehrwert unserer Leistung für den Mandanten. Allein danach richten wir unseren Festpreis aus, den wir dem Mandanten pro-aktiv anbieten. Dazu gehört auch, dass wir überlegen, wie wir die Aufgaben des Mandats intern verteilen. Wenn wir ein verbindliches Honorar vereinbaren, geht es uns übrigens nicht darum, mit Dumpingpreisen in den Markt zu gehen. Als Boutique zielen wir auf erstklassige Spitzenberatung zu einem angemessenen Preis.

Mehrere Optionen für den Mandanten

LTO: Was heißt das konkret?

Göthel: Wir klären zunächst, was der Mandant inhaltlich will und bieten ihm dann gegebenenfalls mehrere Optionen an – mal mit mehr, mal mit weniger Aufwand. Auch ein anderer Faktor kann entscheidend sein, den ich mit einem Beispiel erklären möchte: Eine identische Rechtsfrage kann in einem Unternehmen ein Haftungsrisiko von zehn Millionen Euro bedeuten, in einem anderen Unternehmen aber von nur 100.000 Euro. In diesem Fall werden nicht beide Unternehmen bereit sein, für ein Gutachten denselben Preis zu zahlen.

LTO: Schlägt sich dieser Honorar-Ansatz auch in Ihrer Kanzleistruktur nieder?

Göthel: Wir sind am 1. April mit drei Partnern gestartet und haben bereits Angestellte, vor allem auch juristische. Derzeit prüfen wir, wie wir unser Mitarbeiterteam erweitern wollen. Hierbei prüfen wir die Gruppe der Wirtschaftsjuristen sehr genau. Sie dürfen zwar nicht wie Rechtsanwälte beraten, können aber wertvolle Vorarbeit leisten, nicht nur in Unternehmen, sondern auch in Kanzleien.

LTO: Herr Göthel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Prof. Dr. Stephan R. Göthel hat zum April gemeinsam mit Dr. Oliver Rossbach und Dr. Franz W. Schmitz die Kanzlei Pier 11 in Hamburg gegründet. Sie ist auf die Bereiche Corporate, Finance und Commercial fokussiert. Göthel und Rossbach waren zuvor Partner bei Taylor Wessing, Schmitz war Syndikusanwalt und General Counsel in Unternehmen der MPC-Gruppe.

Beteiligte Kanzleien

Zitiervorschlag

Anja Hall, Alternative Vergütungsmodelle: "Stun<i></i>den<i></i>honorar setzt die fal<i></i>schen Anreize". In: Legal Tribune Online, 13.04.2015, http://www.lto.de/persistent/a_id/15215/ (abgerufen am: 25.06.2016)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 13.04.2015 16:18, Jochen Bauer

    Soweit eine Vergütung frei vereinbar ist, mag der RA i.S. eines Kotenvornschlages einen bestimmten Betrag nennen, an dem er sich dann grundsätzlich auch festhalten lassen muß.

    Diesen ermittelt er aus dem vorussichtlich erforderlichen Arbeitseinsatz imSinne einer quantitativenPrognose und Berücksichtigung von qualitativen Gesichtspunkten, wie etwa besondere Schwierigkeitsgrade einerseits und Mandanteninteresse andererseits.

    Nur eine solche verbindliche Kostenabrede bietet die am Markt geforderte Transparenz und Verläßlichkeit.

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  • 13.04.2015 22:47, John Doe

    " Eine identische Rechtsfrage kann in einem Unternehmen ein Haftungsrisiko von zehn Millionen Euro bedeuten, in einem anderen Unternehmen aber von nur 100.000 Euro. In diesem Fall werden nicht beide Unternehmen bereit sein, für ein Gutachten denselben Preis zu zahlen"

    Naja. Unternehmen geben Gutachten ja nicht in Auftrag, um zig Seiten Papier zu lesen, sondern um den Weg nachvollziehen zu können, ob die zu begutachtende Frage zu bejahen oder zu verneinen ist. Und auch wer (im obigen Beispiel) die 100.000€-Variante wählt, will doch eben auch eine richtige Antwort haben. Und der Weg dahin kann genauso unsicher und beschwerlich sein, wie bei der 10Mio-Variante.

    Oder ketzerisch: "Lieber Mandant, also nein, Sie haben die Billigversion gewählt und erwarten auch noch ein zutreffendes Ergebnis?!"

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  • 13.04.2015 23:16, Veritas Vestigando

    Man könnte auch meinen, dass Festpreishonorare in bestimmten Fällen zu falschen Anreizen führen. Während bei stundenbasierten Honoraren gerne mehr Arbeit geleistet wird, dürfte dies bei zu knapp kalkulierten Festpreishonoraren nicht unbedingt der Fall sein. Oder aber die Qualität sinkt, sobald sich die Kosten für die Kanzlei dem vereinbarten Honorar nähern, weil etwa die Arbeit in kürzerer Zeit erledigt werden muss, um nicht noch weitere Kosten zu verursachen, oder sie wird an weniger qualifiziertes Personal abgegeben.
    Bei stundenbasierten Honoraren dürfte das in aller Regel jedoch nicht passieren, da die Mehrarbeit gerade das Honorar erhöht - und die hat der Qualität selten geschadet.

    Im Übrigen macht die Folgerung "Je höher die Kosten mit hochbezahlten Associates sind, desto höher müssen die Zahl der abgerechneten Stunden [sein]" keinen Sinn, außer es wird unterstellt, dass die Associates einen Teil der abgerechneten Zeit gar nicht für den Mandanten arbeiten. Ansonten stiege mit der abgerechneten Stunden zahl nur das Honorar, denn positive Skaleneffekte sollten bei anwaltlicher Tätigkeit innerhalb eines Mandats nicht auftreten...

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    • 16.04.2015 16:26, Lionel Hutz

      So abwegig ist das mit den Associates nicht. Fakt ist, dass die Großkanzleien enorme Mengen Associates beschäftigen, um bei Transaktionen die benötigten Kapazitäten zu haben. Außerhalb von Hochbetriebsphasen wollen die auch beschäftigt werden. Umgekehrt kann man die Prüfung fast jeder Rechtsfrage bis zum Exzess breitwalzen, da man ja auch nochmal schauen kann, ob dieser Aufsatz aus der AcP von 1908 nicht noch ein anderes Licht auf die Sache wirft. Mich beschleicht das Gefühl, dass Associates, die sich nicht gerade durch DD-Papierberge graben, alternativ gerne so etwas prüfen.

  • 14.04.2015 07:54, Jurist

    Ein interessanter Ansatz. Mich stimmt jedoch verdächtig, dass letztlich an der Qualität gespart wird. Es ist die Rede von "Wirtschaftsjuristen", die nicht beraten dürfen. Der Einsatz von paralegals ist kostengünstiger. Die Frage ist, ob die Vorarbeit taugt oder der Rechtsanwalt mit der Vorarbeit von vorne beginnen muss.

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  • 14.04.2015 10:05, Michael

    M. E. ist die Prämisse des Konzepts falsch. Wer als Mandant ein Stundenhonorar vereinbart, erkauft sich Zeit von seinem Anwalt und Zeit ist die Währung des Anwalts. Ein Stundenhonorar ist daher gerade nicht auf Quanität gerichtet. Im Gegenteil: Wenn ich auf Stundenhonorarbasis mandatiert werde, kann ich soviel Zeit in das Mandat investieren, wie ich für notwendig halte. Habe ich einen Cap oder eine Pauschale vereinbart oder arbeite ich auf RVG-Basis, muss ich meine Zeit einteilen und ggf. verteilen, wenn ich den gleichen wirtschaftlichen Erfolg erzielen möchte. Dies geht zwangsläufig auf Kosten der Qualität.

    Mit Cap, Pauschale und RVG verlagert man das Kalkulationsrisiko auf den Rechtsanwalt. Hierfür mag es gute Gründe geben, die teilweise oben genannt wurden. Aber die Qualität ist sicher keiner davon.

    Selbstverständlich gibt es zahlreiche Gründe, die gegen eine Stundenhonorarvereinbarung vorgebracht werden können, wie etwa die hohe Missbrauchsgefahr, fehlende Transparenz und bisweilen ausufernde Kosten die in keinem Verhältnis zum Mandatsgegenstand stehen. Dem kann allerdings mit der zweiten Währung begegnet werden, die jeder Beratertätigkeit immanent ist: Vertrauen.

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  • 16.04.2015 16:39, Lionel Hutz

    Von Bill Gates geht die Aussage um, dass er für schwierige Aufgaben lieber einen faulen Mitarbeiter einstellen würde, weil der einen einfachen Weg finden wird, die Aufgabe zu lösen. Und da hat er nicht unrecht.

    Der Hyperexperte für mein Problem wird, selbst wenn er einen höheren Stundensatz hat, mir ziemlich aus der Hüfte sagen können, was ich wissen muss, dafür aber viel weniger abrechnen, als der andere Anwalt, der sich erstmal gemütlich einarbeiten geht und noch zwei Associates brieft, die dann weiter daran arbeiten. Das Pauschalhonorar ist nicht umsonst die Grundidee von BRAGO und RVG. Hohe Gegenstandswerte können nach RVG einen Anwalt schenll reich machen, wie niedrige umgekehrt ruinös sein können - aber das geht in beide Richtungen.

    Auch wenn man vom Wert weg zu einem mehr problembezogenen Ansatz kommt, kann ein Pauschalhonorar auch extrem attraktiv sein. Die meisten Mandanten zahlen viel lieber ein paar Euro mehr, wenn sie ein gutes Geschäft machen, als in der Anbahnungsphase ein exzessives Kostenrisiko einzugehen. Die meisten Unternehmen rechnen auch nicht nach Stunden ab, sondern bieten Waren oder Dienstleistungen zu (mehr oder weniger festen, aber nicht zeitbezogenen) Preisen, es ist für Anwälte auch eine Chance, sich diesen USancen anzuschließen.

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  • 20.04.2015 15:43, Dr. Karl P. Schäfer

    Der Ansatz geht in der ganz überwiegenden Zahl von Fällen an der Komplexität der Realität vorbei. Es ist eher selten, dass der Anwalt im Zeitpunkt der Erstellung eines Angebots schon so viel Sachverhaltswissen hat, dass er den voraussichtlichen Zeitaufwand näherungsweise konkret bestimmen kann. In banalen Routinefällen mag das möglich sein, aber nicht in komplexeren Transaktionen, wo die Probleme sehr häufig erst während der Bearbeitung sichtbar werden. Dieses Risiko muss beim Mandanten bleiben, denn es ist und bleibt seine "Baustelle". Echte Festpreise sind entweder zu hoch, eine Akquisitionsleistung von Newcomern oder bedürfen einer in der Regel kontraproduktiven micro-detaillierten Leistungsbeschreibung mit Auflistung aller nichtvorhersehbaren Umstände, die eine nachträgliche Erhöhung des rechtfertigen können. Zum Qualitätseinwand kann man als Mittelständler ("Chefarztbehandlung") nur den Kopf schütteln.

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