Der Rechtsmarkt in Deutschland: Grundlagenwerk mit Stilblüten

von Dr. Anja Hall

06.01.2015

Die Rahmenbedingungen für Wirtschaftskanzleien ändern sich: Mandanten sind weniger loyal, neue Marktteilnehmer jagen den etablierten Sozietäten Anteile ab und gute Absolventen entscheiden sich nicht mehr automatisch für eine Karriere in der Großkanzlei. In dem Sammelband Rechtsmarkt in Deutschland zeichnen Thomas Wegerich und Markus Hartung ein detailliertes Bild der veränderten Landschaft.

 

Wandel gab es im Rechtsanwaltsmarkt schon immer – von der Zulassung überörtlicher Zusammenschlüsse 1989 über internationale Kanzleifusionen in den 90er Jahren bis hin zur Finanzkrise, die auch einige Sozietäten heftig durchgerüttelt hat. Nun befindet sich der Markt der wirtschaftsberatenden Kanzleien in einem weiteren Veränderungsprozess, der von einigen Beobachtern sogar als Paradigmenwechsel beschrieben wird. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob das klassische Kanzleimodell – Rechtsberatung gegen Honorar – an seine Wachstumsgrenzen stößt.

Zum einen schüren Rechtsabteilungen den Wettbewerb um die Mandate, indem sie ihre Mandatierungspraxis in regelmäßigen Abständen überprüfen und auch langjährige Mandatsbeziehungen auf den Prüfstand stellen. Wenn selbst die angestammten Haus- und Hof-Berater sich nach Aufträgen strecken müssen, wird klar, wohin die Reise geht: Der Mandant will mehr Leistung für weniger Honorar.

Zum anderen gilt vielen hochqualifizierten Nachwuchsjuristen die Karriere in der Großkanzlei – vor allem angesichts geringer Partnerchancen – längst nicht mehr als das Maß aller Dinge. Doch die Kanzleien brauchen ausreichend Associates, um ihr pyramidenförmiges Geschäftsmodell mit dem Partner an der Spitze eines großen Anwaltsteams aufrecht zu erhalten.

Für die wirtschaftsberatenden Kanzleien wird es also immer schwieriger, die besten Mitarbeiter und Mandanten an sich zu binden. Für weitere Verunsicherung sorgen neue Wettbewerber mit alternativen Kanzleimodellen, etwa Spin-offs, Boutiquen oder interdisziplinäre Partnerschaften, teilweise auch mit neuen Dienstleistungen wie Legal Process Outsourcing (LPO).

Grundlagenwerk für den Wirtschaftskanzlei-Markt

Daher haben sich Prof. Dr. Thomas Wegerich und Markus Hartung zum Ziel gesetzt, Orientierung in diesen unsicheren Zeiten zu geben. In dem von ihnen herausgegebenen Sammelband Der Rechtsmarkt in Deutschland. Überblick, Analysen, Erkenntnisse erörtern zahlreiche Experten Grundsatzfragen zu Kanzleistrategien und stellen Praxisbeispiele vor. Damit will der 500 Seiten starke Band eine Stellung als Grundlagenwerk zum deutschen Rechtsanwaltsmarkt beanspruchen.

Die Beschränkung auf den Markt der wirtschaftsberatenden Kanzleien erklären die Herausgeber mit zwei Gründen: Zum einen sei dieser "angesichts des vorhandenen Datenmaterials noch am ehesten zu erforschen", zum anderen nehme er eine Art Vorreiterrolle ein: "Alle großen Veränderungen im Rechtsmarkt gingen von wirtschaftsberatenden Kanzleien aus."

Geschäftsmodelle, Wachstumsgrenzen, Praxisbeispiele

Inhaltlich ist der Sammelband in drei Abschnitte gegliedert, mit jeweils mehreren Beiträgen unterschiedlicher Autoren. Im ersten Kapitel wird der Status Quo des Marktes beleuchtet. Angefangen von der geschichtlichen Entwicklung werfen die Autoren einen Blick auf den Gesamtmarkt, auf den Markt der wirtschaftsberatenden Kanzleien und die zur Verfügung stehenden Erkenntnisquellen. Auch Marktstruktur und Marktsegmentierung sind Themen dieses Abschnittes.

Im zweiten Teil wird unter der Überschrift "Best Practices" der Frage nachgegangen, wie sich unternehmerisch geführte Kanzleien im Markt verhalten. Zunächst stehen die Bereiche Marketing und Business Development im Vordergrund. Praktiker stellen Beispiele zur systematischen Marktbearbeitung und gezielten Mandantenbetreuung vor. Auch Unternehmen kommen zu Wort: Leiter von Rechtsabteilungen schildern, wie sie sich als Käufer von Rechtsberatungsdienstleistungen verhalten. Ein weiterer Unterabschnitt befasst sich mit dem Personalmarkt, im letzten Teilkapitel geht es um das Geschäftsmodell der Kanzleien und Fragen der Gewinnverteilung.

Der dritte und letzte Teil wagt schließlich unter der Überschrift "Trends" einen Blick in die Zukunft. Die Autoren befassen sich hier mit der grundsätzlichen Frage nach Wachstumsgrenzen im Rechtsmarkt, mit veränderten Geschäftsmodellen und mit dem Entstehen neuer Dienstleister.

Als Wegweiser durch diese Themenvielfalt fungieren die Einführungstexte, die Wegerich und Hartung jedem Abschnitt des Buches voranstellen, und in denen sie die jeweils wichtigsten Komplexe ansprechen.

Themen-Fülle und -Tiefe

Um die Themen nicht nur in der Breite, sondern auch in der Tiefe behandeln zu können, haben Hartung und Wegerich eine Reihe von Marktbeobachtern als (Co-)Autoren verpflichtet. So kommt etwa der Präsident des Deutschen Anwaltsvereins Prof. Dr. Wolfgang Ewer zu Wort, ebenso honorige Unternehmensjuristen wie Arne Wittig, der Group General Counsel von Thyssen Krupp. Managing Partner von Großkanzleien und Praktiker aus den verschiedenen unterstützenden Bereichen in den Kanzleien wie Personal, Business Development und Marketing berichten detailliert aus ihrer Praxis und schildern etwa, wie Pitch-Prozesse ablaufen, wie gelungenes Cross-Selling aussehen könnte und wie der Weg in die Partnerschaft verläuft.

Beiträge von Kanzlei- bzw. Personalberatern, von Anwälten aus Spin-offs und Spezialkanzleien sowie von Anbietern alternativer Rechtsberatungsdienstleistungen runden das Bild ab. Dabei dürften besonders die Berichte aus der Berufspraxis eine interessierte Leserschaft finden.

Englische Versatzstücke und Eigenlob der Autoren

Doch so vielfältig wie die Autoren und ihre jeweiligen Hintergründe, so unterschiedlich intonieren sie ihre Texte. Diese reichen vom wissenschaftlichen Fachbartikel in nüchterner Sprache über das elegante historisch Resümee bis zum launig-provokanten Essay. Ob diese Vielfalt einem Grundlagenwerk, als das Der Rechtsmarkt in Deutschland ja angelegt ist, gut zu Gesicht steht, darüber kann man sicherlich streiten.

Eine strengere redaktionelle Bearbeitung hätte an manchen Stellen jedenfalls nicht geschadet. So singen einige Autoren ein recht unverhohlenes Loblied ihres Geschäftsmodells, etwa wenn die Rede von einer "erfreulichen Entwicklung" der Kanzlei ist, die man "auch in den folgenden Jahren [werde] fortsetzen können", oder wenn das eigene "konkurrenzlos dichte[s] Netzwerk" hervorgehoben wird - ohne dass dies mit Fakten untermauert würde.

Auch die eingestreuten englischen Versatzstücke irritieren bisweilen: Warum muss beispielsweise ein Kapitel mit "People" überschrieben werden, wenn es um den Personalmarkt geht? Und wäre die Überschrift "Praxisbeispiele" anstelle von "Best Practices" nicht auch möglich gewesen?

So kommt es, dass die Form der Texte an manchen Stellen etwas schwächelt - die Inhalte allerdings stimmen. Und auch wenn die Autoren über keine Glaskugel verfügen: Der Blick auf die Gegenwart ist nach der Lektüre klar - die Zukunft kann man wenigstens erahnen.

Prof. Dr. Thomas Wegerich, Markus Hartung (Hg.): "Der Rechtsmarkt in Deutschland. Überblick, Analysen, Erkenntnisse", Frankfurter Allgemeine Buch, 2014, 518 Seiten, 79,90 Euro

Zitiervorschlag

Anja Hall, Der Rechtsmarkt in Deutschland: Grundlagenwerk mit Stilblüten. In: Legal Tribune Online, 06.01.2015, http://www.lto.de/persistent/a_id/14269/ (abgerufen am: 24.07.2016)

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