Innovationen im Anwaltsmarkt: Rechtsberatung reloaded

von Dr. Anja Hall

15.09.2014

Das hat die Kanzleiwelt noch nicht gesehen: Xenion Legal, bekannt für einen Lawyer-on-Demand-Service, baut eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung auf. Die soll untersuchen, wie man Rechtsberatung effizienter und kostengünstiger gestalten kann, und entsprechende IT-gestützte Produkte entwickeln. Setzen sich diese Modelle durch, könnte das den Anwaltsmarkt gehörig durcheinander wirbeln.

 

Innovationen. Die meisten Juristen denken dabei an die Entwicklung einer neuartigen Transaktionsstruktur oder an ein cleveres steuerrechtliches Modell. Innovationen allerdings, mit denen sich Kanzleien oder andere Dienstleister im juristischen Umfeld völlig neue Geschäftsfelder eröffnen, sind im Anwaltsmarkt selten. Allmählich erst gewöhnt sich die deutsche Szene an die sogenannten alternativen Anbieter wie PerConnex oder Xenion Legal mit ihrem Lawyers-on-Demand-Service.  Diese zünden nun aber schon die zweite Stufe.

Xenion Legal kündigte an, ein Legal Innovation Center aufbauen zu wollen. Soweit bekannt, ist es die erste Forschungs- und Entwicklungseinheit eines juristischen Dienstleisters oder einer Kanzlei in Deutschland und eine der ersten weltweit. In den USA hat die Kanzlei Akerman im Frühjahr einen Research & Development (R&D) Council etabliert.

Geleitet wird die Einheit bei Xenion von dem 37-jährigen Belgier Filip Corveleyn, der gemeinsam mit IT-Experten softwaregestützte Produkte für standardisierbare Abläufe entwickeln will. Dabei soll der Computer Teile der Arbeit übernehmen, die bislang Juristen machen, beispielsweise im Dokumentengeschäft. Was konkret geplant ist, darüber hält sich das Unternehmen aber noch bedeckt. Man habe Prototypen entwickelt, die bereits in der Praxis bei einem US-Konzern für zwei Länder im Testlauf sind, bevor man diese auf 21 europäische Länder ausrollen wird, sagt Felix Rackwitz, Chief Operation Officer (COO) von Xenion Legal. Mehr lässt er sich nicht entlocken.

Forschung und Entwicklung – in der Industrie längst Tagesgeschäft

Forschungs- und Entwicklungsabteilungen sind in der Industrie gang und gäbe. Große Konzerne wenden jährlich hohe Beträge auf, um mit Innovationen an der Spitze ihrer Branche zu stehen. Ein Pharmakonzern, der nicht regelmäßig ein neues Medikament auf den Markt bringt, wird schnell von der Konkurrenz abgehängt.

Natürlich entwickeln auch Anwälte und Business-Development-Abteilungen vieler Kanzleien regelmäßig Produktinnovationen, sprich neue Beratungsprodukte. So hat in letzter Zeit beispielsweise die hohe Nachfrage im Bereich Compliance viele Kanzleien auf den Gedanken gebracht, das Know-how zu dem Thema, das in den verschiedenen Praxisgruppen bereits vorhanden ist, in einem übergreifenden Team zu bündeln und damit am Markt aufzutreten.

Xenion baut sich mit ihren Software-Produkten, die sie unter der Marke "Tools4Legal" etablieren will, allerdings zusätzlich zu der juristischen Beratung, die ihre Anwälte für den Mandanten erbringen, ein Segment auf, das in Zukunft zu einem weiteren Standbein und nicht zuletzt auch Umsatzbringer des Unternehmens werden soll.

Neu ist die Idee, mit computergestützten Prozessen die Rechtsberatung effizienter zu machen, allerdings nicht: Mit Software-Produkten, die beispielsweise Dokumente wie Arbeits- oder Mietverträge generieren, haben sich bereits Dienstleister wie Legal Zoom oder Rocket Lawyer auf dem US-Markt etabliert, in Deutschland gibt es das Start-up SmartLaw, das wie LTO zu Wolters Kluwer gehört. Xenion allerdings hat vor allem Rechtsabteilungen von großen Unternehmen und internationalen Konzernen als Kunden im Visier, die anderen Dienstleister zielen mit ihren Angeboten derzeit eher auf Privatpersonen und kleinere Firmen.

Schafft Xenion den Anwaltsberuf ab?

Sollten Unternehmensrechtsabteilungen die neuen Software-Produkte tatsächlich im Alltagsgeschäft einsetzen, hätte das unweigerlich Auswirkungen auf die Anwaltsszene. Denn wenn sich die Inhouse-Juristen nicht mehr mit dem Standardgeschäft befassen müssen, bleibt ihnen mehr Zeit für andere, komplexere Rechtsfragen. Das könnte auch dazu führen, dass externe Kanzleien seltener mandatiert werden.

Will Xenion Legal also den Anwaltsberuf abschaffen? "Nein", meint Felix Rackwitz. "Aber wir sehen die Tools4Legal als Antwort auf den Trend zum 'More for Less', den Richard Susskind in seinem Buch Tomorrow‘s Laywers beschreibt."

Susskind, einer der führenden Analysten des Rechtsanwaltsmarkts, beschreibt in diesem Buch die wichtigsten Herausforderungen für Kanzleien in den nächsten Jahren. Er beobachtet zwar vor allem den angelsächsischen Markt, insofern ist nicht alles auf deutsche Verhältnisse übertragbar. Aber die Erwartungshaltung der Mandanten, dass Anwälte mehr Dienstleistung für weniger Kosten liefern sollen, bekommen auch die Kanzleien hierzulande längst zu spüren. Sie reagieren darauf, indem sie für Standardarbeiten und Due Diligences verstärkt Transaction Lawyers und Wirtschaftsjuristen einsetzen und sich auf Pauschalen und gedeckelte Honorare einlassen.

Auch Markus Hartung, Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession, ist nicht der Ansicht, dass Xenion das Totenglöckchen für den Anwaltsmarkt läutet. IT-gestützte Dienstleistungen, die Verwaltungs- oder Prozessabläufe automatisieren, machen die juristische Arbeit nicht überflüssig, meint er. "Solche Services bedrohen nur Kanzleien, die von diesem Standardgeschäft leben. Das ist Schicksal und passiert in jeder Branche", sagt Hartung. "Die Herausforderung für Kanzleien besteht darin, ihre 'Fertigungsprozesse' neu zu gestalten, also ihre Services effizienter und günstiger anzubieten, mit Hilfe solcher Technologien."

Ob die wirtschaftsberatenden Kanzleien diese Herausforderungen annehmen werden, ist ungewiss. Sollten sich die alternativen Anbieter mit ihren neuen Produktideen aber bei den Mandanten durchsetzen, wird ihnen wohl nichts anderes übrig bleiben.

Zitiervorschlag

Anja Hall, Innovationen im Anwaltsmarkt: Rechtsberatung reloaded. In: Legal Tribune Online, 15.09.2014, http://www.lto.de/persistent/a_id/13148/ (abgerufen am: 31.05.2016)

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Kommentare
  • 15.09.2014 15:30, M. Igel

    Danke für den informativen Beitrag - aber eine Anmerkung sei erlaubt: "Soweit bekannt, ist es die erste Forschungs- und Entwicklungseinheit eines juristischen Dienstleisters oder einer Kanzlei in Deutschland und eine der ersten weltweit." Leider trifft Ihre Relativierung zu, denn bekannt sind deutlich mehr Projekte. Bereits seit Jahren gibt es "juristische Think Tanks", z.B. bei den Rechercheplattformen JURIS und Jurion (gehört ja sogar zu WoltersKluwer), an der Universität Saarbrücken und längst sind auch erste Startup-Unternehmen zu dem Thema aktiv, z.B. Lexalgo oder Neota Logic (New York).

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