Rechtsanwältinnen: No Future?

von Markus Hartung

30.11.2016

Nur 10 Prozent der Partner in deutschen Law Firms sind Frauen. Das liegt an abseitiger Arbeitsorganisation und Kanzleikultur, meint Markus Hartung. U.a. ein Bericht von der 12. Jahrestagung des Instituts für Anwaltsrecht an der HU Berlin.

 

Das Institut für Anwaltsrecht an der Berliner Humboldt Universität führt ein Dasein außerhalb der Öffentlichkeit. Das ist schade, aber über den Befund lässt sich kaum streiten. Die Öffentlichkeitsarbeit dieser Tagung ist schon fast rührend unprofessionell. 

Neben vielen Lehrveranstaltungen in unterschiedlichsten Formaten veranstaltet das Institut seit Langem Jahrestagungen, auf denen aktuelle Themen des anwaltlichen Berufs- und Haftungsrechts von hochkarätigen Referenten behandelt werden. Es sind Expertentagungen, der Inhalt ist deutlich wichtiger als all das Drumherum, das man sonst auf Tagungen findet. 

Für diejenigen, die von der Existenz der Veranstaltungen wissen, sind es Pflichttermine, denn es gibt kaum Gelegenheiten, auf diesem hohen Niveau zu diskutieren. Dem geschäftsführenden Direktor des Instituts, Reinhard Singer, ist es außerdem gelungen, bei den Jahrestagungen eine fast familiäre Atmosphäre beizubehalten – mittags geht es in ein Restaurant, wo alle Referenten und Teilnehmer an langen Tischen in bunter Reihe nebeneinandersitzen und Studenten mit Richtern des BVerfG nicht nur über die Tagungsthemen diskutieren können. 

Frauen vs. Anwaltschaft

Das Oberthema lautete dieses Jahr "Karriere als Rechtsanwältin – Chancen, Risiken und Perspektiven". Tatsächlich ging es darum, warum Rechtsanwältinnen sich in der Anwaltschaft eher schwer tun. Das Thema ist leidlich bekannt, jedes Jahr wird darüber berichtet, dass sich der Anteil der weiblichen Partner in deutschen Wirtschaftskanzleien wiederum nicht nennenswert erhöht hat. 

Nicht alle finden das schlimm: Manche Kanzleien präsentieren jährlich in ganzseitigen Anzeigen ihre neuen (männlichen) Partner, und wenn kaum eine oder gar keine Partnerinnen darunter sind, dann ist das eben so. Der Umstand selber führt offenbar nicht zum schlechten Gewissen oder wenigstens dem Gefühl, dass es ein Komplettversagen der Personalentwicklung darstellen könnte, wenn man keine einzige Anwältin zur Partnerin ernannt hat. 

Kürzlich äußerte sich der Managing Partner einer internationalen Kanzlei in Deutschland darüber, dass M&A-Transaktionen eben dauernde Verfügbarkeit und 60- oder 70-Wochen-Stunden bedeuteten. Um zu den "Top-Leuten" zu gehören, müsse man die Familie unterordnen. Von Aufregung oder Shitstorms danach ist nichts bekannt. 

Immerhin herrscht hier Gleichheit: Denn diese erhabenen und jenseits des ArbZG liegenden Arbeitszeiten gelten für Associates jedweden Geschlechts. Es entsteht der Eindruck, dass eine gewisse Ermüdung eingetreten ist und das Diversity-Dilemma nur noch mit Schulterzucken zur Kenntnis genommen wird.

Internationale Benchmarks ...

Im internationalen Vergleich steht es nicht gut um Deutschland. Der Anteil von Anwältinnen in Deutschland liegt mit 33 Prozent im unteren Bereich, nur noch unterboten von Schweden und China. 

In allen anderen Teilen der Welt liegt der Anwältinnenanteil deutlich höher, angeführt von Frankreich mit 54,4 Prozent. Frankreich ist insoweit ein interessantes Beispiel, als dort die Geburtenquote ohnehin viel höher ist als etwa in Deutschland. Offenbar ist die französische Familienpolitik moderner als in anderen europäischen Ländern, jedenfalls moderner und erfolgreicher als bei uns.

... und deutsche Zahlen

Dies wäre alles nicht der Rede wert, wenn es inzwischen nicht deutlich mehr Frauen als Männer unter den Studierenden und Absolventen geben würde. Der Anteil der Jurastudentinnen liegt bei 55 Prozent, in der ersten Juristischen Prüfung sogar bei 60 Prozent. 

Die Prognosen gehen sogar von einer Verstärkung des Trends aus. Die Rechtspflege wird weiblich, aber für die Anwaltschaft ist dieser Befund noch nicht so klar. Schaut man sich die Berufsvorlieben der jungen Anwältinnen an, ergibt sich weiterhin, dass die ganz überwiegende Anzahl eher in Einzelkanzleien arbeiten möchte, dass Frauen unter den Fachanwaltszulassungen deutlich unterrepräsentiert sind, außer im Familienrecht, dafür aber deutlich häufiger als Männer in Teilzeit arbeiten. 

Eine Studie des Soldan-Instituts zeigt eine deutliche Gewichtung und erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern:

Beruf und Familie: Junge Juristinnen beziehen die Familienplanung in ihre Überlegungen zum Berufseinstieg mit ein. Für junge Juristen spielt dies kaum eine Rolle.

Zeitliche Intensität der Berufsausübung: Junge Anwältinnen, die zugleich Mütter sind, reduzieren ihre Arbeitszeit. Junge Anwälte, die zugleich Väter sind, erhöhen ihre Arbeitszeit.

Law Firms: 10 Prozent Partnerinnen

Damit steht fest, dass man keine Chance hat, jemals zu den "Top-Leuten" in Wirtschaftskanzleien zu gehören, wenn das richtig ist, was der bereits zitierte Managing Partner gesagt hat: Teilzeit und 70-Stunden-Woche passen einfach nicht zusammen.

Das belegen die seit Jahren bekannten Zahlen, die sich trotz vieler guter Vorsätze nicht ändern: Unter den Berufsanfängern in den Law Firms befinden sich knapp 40 Prozent Frauen – nicht schlecht angesichts der eben genannten Berufsvorlieben von Anwältinnen. Unter den Partnern liegt der Frauenanteil bei gut 10 Prozent. 

Zitiervorschlag

Markus Hartung, Rechtsanwältinnen: No Future?. In: Legal Tribune Online, 30.11.2016, http://www.lto.de/persistent/a_id/21306/ (abgerufen am: 10.12.2016)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 30.11.2016 18:26, GrafLukas

    > Das Bestreben der deutschen Kanzleien geht dahin,
    > Mitarbeiter möglichst lange zu halten, denn so richtig
    > profitabel werden Mitarbeiter ab dem 3. oder 4. Jahr.
    Das kann man so pauschal auch nicht sagen. Gerade bei M&A braucht es für Due Diligences eigentlich nur irgendwelche Berufsanfänger, die bis zum Umfallen Stunden kloppen, indem sie eine Unzahl von Dokumenten sichten. Berufserfahrung stört da nur, das macht den Mitarbeiter dann nämlich wegen zu hoher Stundensätze schon wieder zu teuer.

    Auch das "up or out", das es in vielen Kanzleien noch immer gibt, ist ja eher darauf angelegt, den Leuten frühzeitig zu signalisieren, dass es hier ohnehin nichts wird mit der Karriere, und gerade nicht darauf ausgerichtet, Mitarbeiter langfristig zu binden.

    Und gerade die Kanzleien, auf die diese beiden Punkte zutreffen, haben auch ein besonderes Proboem mit Diversity.

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  • 30.11.2016 18:44, Ute Jasper

    Wenn die Anwältinnen tatsächlich benachteiligt werden und tatsächlich das System daran die Schuld trägt, warum fordern sie ihre Rechte nicht ein? Warum tun sie sich nicht zusammen? Warum sollen die Mandanten die Anwältinnen fördern? Die wollen – zu Recht – nur gute Leistung zu angemessenen Preisen. Den Mandanten ist es egal, ob die Leistung von einer Frau oder einem Mann erbracht wird. Zu recht.

    Deshalb Mädels, krempelt die Ärmeln hoch, es ist viel leichter, als ihr denkt: Ein guter Anwalt – auch eine Anwältin – muss auch die eigenen Interessen vertreten und durchsetzen können. Versucht es mal, es geht, gut sogar, auch mit Kindern.

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    • 01.12.2016 15:11, Reibert

      "Ein guter Anwalt – auch eine Anwältin – muss auch die eigenen Interessen vertreten und durchsetzen können."

      Wer sich selbst vertritt hat eine EselIn zur MandatIn...

  • 30.11.2016 18:48, Jurafan

    Da hilft nur die Frauenquote weiter.

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    • 02.12.2016 10:57, MP

      Weil wir zarte Blümchen sind, die von der großen, bösen Welt beschützt werden müssen? Danke, aber nein danke. So möchte ich weder gesehen noch behandelt werden. Frauen sind nicht krank oder behindert. Wenn Frauen auf diese Arbeitsbedingungen keine Lust haben, ist das ihre Entscheidung. Mit einer Frauenquote sind wir nur weiteren Anfeindungen ausgesetzt, Stichwort Quotenfrau. Das hat dann aber mit Emanzipation oder Gleichberechtigung gar nichts mehr zu tun.

  • 30.11.2016 23:21, kryme

    Was will uns der Artikel sagen?
    Wenn nur 33% der Anwälte weiblich sind, obwohl Frauen etwas mehr als die Hälfte der Absolventen stellen bedeutet das nur eines: Frauen sind stark vermehrt im öffentlichen Dienst anzutreffen.
    Und da gehen die hin, weil die Arbeitsbelastung erträglich und der Job sicher ist.

    Was ist jetzt das Problem? Und wer hat daran Schuld?
    Ah, natürlich: Frauen werden böse diskriminiert und die Männer halten sie unten.
    Auch wenn der Text hier und da relativiert, das ist der vibe, der das ganze Essay durchzieht. Dabei muss der Autor selbst an mehreren Stellen zugeben, dass die Berufung von Frauen in Toppositionen gar keine Geschlechterfrage, sondern eine Frage der Opferbereitschaft ist.
    Gute Anwältinnen können das schaffen, wenn sie bereit sind, im großen Stil Zeit zu opfern - genauso wie die Männer.
    Wo soll jetzt noch gleich das Problem sein? Dass nur wenige Frauen so viel ihres Privatlebens opfern wollen? Das ist dann wohl deren Entscheidung. Man kann nicht der dicke Partner mit 300k im Jahr sein, aber nur 25h pro Woche arbeiten wollen.
    Das geben diese Positionen nicht her. Da kann man auch nicht aus einer Vollpartnerstelle zwei halbe machen. Denn ein Partner kann sich eben nicht jeden Donnerstag und Freitag im Jahr freihalten. Was soll man machen, wenn bei einem seiner wichtigen Mandanten am Donnerstag was schief läuft? Soll der andere Teilzeitpartner einspringen? Dafür müsste er ja nicht nur Kenntnisse von seinen Mandaten, sondern auch Kenntnisse von denen seiner Kollegin haben.
    Und so ergibt sich, dass zwei 25h Partner keinen 50h+ Partner ersetzen können.
    Diese Strukturen haben sich ja nicht ohne Grund entwickelt, sondern weil sie wirtschaftlich sind.

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    • 01.12.2016 19:13, Jus

      Wenn Sie den Artikel nochmal lesen, werden Sie ihn vielleicht auch verstehen. Wenn so wenige Absolventinnen als Rechtsanwältinnen eingestellt werden bzw. Teilhaberin werden, liegt das an der Bevorzugung männlicher Absolventen, immer wieder befristeten Verträgen, der typischen diskriminierenden Frage an Frauen "Wollen Sie denn auch mal Kinder ?" und - wenn es zum "Teilhabergespräch" kommen sollte- an den unverschämten "Einlage- oder Kanzleiübernahmeangeboten". Sitzt dann noch einer vor einem, der sagt, dass er keine Kinder hat und sich dabei selbst noch auf die Schulter klopft, vergeht einem Idee in so einer Kanzlei arbeiten zu wollen und ein Zukunft zu planen.

    • 02.12.2016 00:01, kryme

      wertes Jus, kommen Sie gerne wieder, wenn der Opferkomplex überwunden ist.

    • 04.12.2016 22:27, GrafLukas

      Frauen gehen vermehrt in den öffentlichen Dienst, weil da die Vereinbarkeit mit Familie einfacher ist - Ausstieg, Teilzeit und Wiedereinstieg ist möglich, ohne dass man sich damit total die Karriereleiter absägt. Das sollte man als Fakt auch akzeptieren können.

      Ihr Text, kryme, will genau die albernen Vorurteile von der 24/7-Verfügbarkeit in Stein meißeln, und als Konsequenz daraus ableiten, dass dies letztlich nur von Männern gewährleistet werden kann, oder von Frauen, die auf Privatleben verzichten: Partner sein kann nur, wer immer verfügbar ist.

      Das ist doch Unfug. Man braucht eine gewisse Flexibilität. Niemand wird ernsthaft sagen: Donnerstags und Freitags kann ich nie, auch bei Teilzeit nicht. Diese Sichtweise aufzubrechen ist nicht nur im Interesse von Frauen, sondern auch von Männern. Letztlich - und das sieht man durchaus in Großkanzleien - führt das bestehende Modell nicht unbedingt dazu, dass die Leute mit den besten sozialen Kompetenzen (Personalführung) gefördert werden, sondern teilweise merkwürdige Persönlichkeiten, die ihr Leben der Arbeit verschrieben haben. Das müssen aber nicht zwingend die besten oder schlausten sein - schlaue Menschen wollen nämlich vielleicht auch ein Privatleben haben.

  • 01.12.2016 15:10, Leserin

    Sehr guter Beitrag! Es liegt am fehlenden Willen der Kanzleien, nicht am vermeintlich fehlenden Willen der Anwältinnen.

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    • 01.12.2016 20:59, Jemand_NRW

      ja, das ist total plausibel, schließlich haben die Kanzleien ja auch so ein großes Interesse daran, Frauen zu diskriminieren.. davon profitieren die ja schließlich. Irgendwie. Weil welchen Grund sollte es sonst geben...

      (Doch wohl nicht etwa, dass den meisten Frauen die Familie wichtiger sein könnte als die Karriere...!!)

    • 04.12.2016 22:32, GrafLukas

      @Jemand: Und wenn? Was ist verwerflich daran, wenn Frauen (und auch zunehmend Männern, wie man hört) ihre Familie wichtig ist? Warum will man in der Chefetage keine Familienmenschen?

      Sollte nicht ein Interesse bestehen, die besten und schlausten zu befördern und nicht einfach die mit der größten Opferbereitschaft? Das ist aus meiner Sicht keineswegs deckungsgleich, und darin liegt doch auch die Kritik zum Teil begründet. Und das hat schon etwas Männerbündisches: Allein die Anzahl der Stunden wird zum Maßstab erhoben, weil man zuversichtlich ist, das dieses auf den ersten Blick objektive Kriterium Frauen und Familienväter, die ihre Familien auch mal sehen wollen, von alleine ausschließt.

    • 04.12.2016 22:35, GrafLukas

      Ergänzung: Zumal das Problem ja nicht bei der Partnerernennung anfängt, sondern sich insgesamt auf das Betriebs-/Arbeitsklima auswirkt: Ist der Chef kinderlos oder hat seine Hausfrau mit den Kinder zuhause, die er nie sieht, dann muss er das entweder gut und richtig finden oder sich zumindest einreden, um nicht depressiv zu werden. Solche Leute haben quasi zwangsläufig kein Verständnis dafür, wenn Männer Elternzeit nehmen wollen oder Anwältinnen wegen Kind ein Jahr oder länger ausfallen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Männer schon bei der Einstellung deshalb bevorzugt werden.

    • 07.12.2016 15:55, Leserin

      @Jemand in NRW: es geht nicht darum, sich die einfachste Lösung zu suchen, dass nämlich "Frauen lieber Familie wählen". Da mag es solche Anwältinnen geben, wie es sicher auch Anwälte gibt. Sensibler und mE entscheidender ist, dass in der "Männerdomäne" Partnerschaft häufig unterschwellig ohne es auszusprechen angenommen wird, man könne sorglos bei Kolleginnen, die das 5.-6. Berufsjahr erreicht haben, "abwarten". Das spielt sich in den Köpfen ab, weil die Damen sich (dann) im familienfreundlichen Alter befinden und man einen Ausstieg über kurz oder lang "ohnehin erwartet". Ein echter Karriereplan kommt dann nicht mehr auf den Tisch, was Frustration zur Folge hat, letztlich die Idee des Weggangs (erst) weckt. Das ist eine Frage der Kanzleikultur, der Haltung, der Professionalität und des Charakters. Der Autor des Beitrags spricht nicht von offener, sondern von versteckter Diskriminierung.

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