Smalltalk unter Juristen: Von wegen ober­fläch­lich!

von Sabine Olschner

12.04.2017

Smalltalk ist weit mehr als belangloses Geplänkel. Das Plaudern zu Gesprächsbeginn ist wichtig, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Juristen tun also gut daran, Smalltalk zu beherrschen. 

 



Wetter, die Bahnverspätung, Fußballergebnisse – über was man beim ersten Kontakt mit einer fremden Person spricht, ist zweitrangig. Was zählt, ist das gegenseitige erste Beschnuppern. Um das Gegenüber einschätzen zu können und sich einen ersten Eindruck zu verschaffen, braucht es meist nur wenige Sekunden. Ein paar Sätze über dies und das helfen, den anderen schon ein klein wenig besser kennenzulernen: Ist er oder sie verschüchtert? Stellt er viele Fragen? Antwortet sie langatmig oder auf den Punkt? Kann er dem anderen beim Sprechen in die Augen sehen? Weicht sie Fragen aus?

"Beim Smalltalk geht es mehr um die Beziehungsebene als um die Sachebene", erklärt Dr. Annette Kessler, Kommunikationsexpertin mit der Firma Culture Talk. "Man will sich persönlich näherkommen. Das gehört bei jedem Beruf, bei dem man mit Menschen zu tun hat, dazu." Ob im Bewerbungsgespräch, beim Kontakt zum Mandanten oder bei Treffen mit Kollegen aus anderen Kanzleien: Wer die Kunst des Smalltalks beherrscht, findet schneller eine gemeinsame Ebene für die Zusammenarbeit.

Eine Frage der inneren Haltung

Nicht jedem fällt das "kleine Gespräch" mit Unbekannten leicht – vor allem, wenn er oder sie noch ungeübt ist. Torsten Schneider, Personalleiter der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft, beobachtet seit vielen Jahren, wie sich Bewerber beim ersten Treffen verhalten. "Meistens stelle ich ein paar Eisbrecherfragen als Einladung zum Smalltalk, auf die die jungen Juristen sicher und selbstbewusst eingehen", so seine Erfahrung. "Unsicherheit ist eher bei ersten Treffen mit Mandanten oder auf Veranstaltungen zu beobachten. Jüngere Kollegen fühlen sich hier häufiger noch gehemmt und verkrampfen, weil sie womöglich das Gefühl haben, noch nicht auf Augenhöhe mit den anderen zu sein."

Doch das ist für ihn kein Beinbruch. Schneider ist der Überzeugung, man könne Smalltalk lernen, wenn man es nur oft genug tut. "Im Grunde ist es eine Frage der inneren Haltung", glaubt der Personalleiter: locker bleiben, keine Angst haben, nicht schauspielern. Von Seminaren zum Erlernen von Smalltalk hält er nicht viel: "Es nützt nichts, eingeübte Sätze zu benutzen – das wirkt oft zu formalistisch und gekünstelt". Stattdessen, so sein Rat, sollten junge Anwälte erfahrene Kollegen beobachten und dabei herausfinden, wie diese erfolgreich Smalltalk betreiben. Nicht nur das Gesagte spielt dabei eine Rolle, sondern auch Körpersprache, Blickkontakt und vor allem Zuhören.

Türöffner für die menschliche Ebene

Dr. Natalie Daghles erinnert sich noch gut an ihre erste Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Kanzlei. "Ich musste anfangs ein paar Hemmschwellen überwinden, bis ich locker mit Mandanten plaudern konnte", so die Anwältin, die mittlerweile seit vier Jahren in der Kanzlei Latham & Watkins arbeitet. "Als ich es ausprobiert habe, war es aber schön zu merken, dass Smalltalk wirklich als Türöffner für die menschliche Ebene funktioniert."

Selbst in etwas hitzigen Verhandlungspositionen können ein paar Worte Smalltalk zwischendurch helfen, um wieder auf eine neutrale Ebene zurückzukehren, so ihre Erfahrung. Für die Anwältin ist es besonders wichtig, authentisch zu bleiben. "Für Fußball interessiere ich mich nun mal nicht besonders, dafür finde ich politische und gesellschaftliche Themen interessanter. Hier fühle ich mich einfach wohler." Am einfachsten sei es, sagt Natalie Daghles, wenn sie bemerke, dass sie mit dem Gegenüber Gemeinsamkeiten habe: einen Ort, der beide verbindet, ähnliche Interessen oder der Familienstand.

Zitiervorschlag

Sabine Olschner, Smalltalk unter Juristen: Von wegen oberflächlich!. In: Legal Tribune Online, 12.04.2017, http://www.lto.de/persistent/a_id/22641/ (abgerufen am: 26.06.2017)

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Kommentare
  • 12.04.2017 15:27, Maximus Pontifex

    "Dr. Natalie Daghles erinnert sich noch gut an ihre erste Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Kanzlei. "Ich musste anfangs ein paar Hemmschwellen überwinden, bis ich locker mit Mandanten plaudern konnte", so die Anwältin, die mittlerweile seit vier Jahren in der Kanzlei Latham & Watkins arbeitet."

    Mit Mandaten plaudern. Was man als Wiss. Mit. eben den ganzen Tag so macht...

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    • 13.04.2017 19:43, Marian Müller

      So what?

      Vielleicht ist das bei Ihnen nicht so gewesen, aber gibt es durchaus.

    • 19.04.2017 22:24, Winston Smith

      Klar hat sie geplaudert... "Wollen Sie noch Kaffee?" oder "Die Toiletten sind den Gang runter rechts." Dass das zunächst Überwindung kostet, ist ja wohl klar!

  • 20.04.2017 11:33, Oldman

    "Smalltalk" setzt aber auch gewisse Grundkenntnisse bzgl. Kunst, Kultur, Zeitgeschehen etc. voraus - es gibt leider fast nichts, worüber man mit der Generation Smartphone noch plaudern könnte.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 21.04.2017 12:26, BigJ

      Ihre Vorurteile könnten doch ein guter Anfang sein...

  • 26.04.2017 21:01, Gunter Maier

    @BigJ - Verstehe ich das richtig? Das ist ja wohl nicht zu fassen, was Sie da schreiben!

    Auf diesen Kommentar antworten
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