Künstliche Intelligenz und die Zukunft juristischer Arbeit: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Computer mich ersetzt?

von Markus Hartung

31.03.2015

Welchen Einfluss Technologie auf die Arbeitswelt haben kann, wird u.a. unter dem Stichwort "Industrie 4.0" diskutiert. Die Thesen für die juristische, speziell die Anwalts-Branche schwanken dabei zwischen düstersten Prognosen und dem Gefühl, so besonders zu sein, dass gar nichts passieren könne. Markus Hartung versucht das zu erklären. Und die Anwälte zu ermutigen – wenn sie es richtig machen.

 

Erst vor wenigen Tagen stellte die Süddeutsche Zeitung ein kleines Online-Tool zur Verfügung: "Wie wahrscheinlich ist es, dass ich durch einen Computer ersetzt werde?". Bei Eingabe des Berufs "Anwalt" wirft es nur eine 3,5-prozentige Wahrscheinlichkeit aus.

Die humoristische Herangehensweise wirkt gleich weniger lustig, wenn man das anwaltliche Backoffice eingibt: Demnach besteht eine 41-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass der Beruf der Rechtsanwaltsfachangestellten durch Computer ersetzt wird. Überraschend: Auch mit Richtern aus Fleisch und Blut werden sich die Anwälte nicht mehr so eingehend befassen müssen wie heute. Dass sie durch Technisierung ersetzt werden, hält das Tool zu 40 Prozent für wahrscheinlich. Interessant wäre natürlich die Frage, welche Auswirkungen Technologie für jeden Einzelnen hat, aber das kann ein solches Tool naturgemäß nicht beantworten.

Wie anfällig sind Jobs für die Computerisierung?

Im November 2014 stellte die englische Kanzleiberatung Jomati Consultants die These auf, im Jahr 2030 würden Anwälte durch Roboter, "Bots" genannt, ersetzt. Ein Jahr zuvor, im September 2013, wurde eine Studie von C. Frey und M. Osborne an der Universität Oxford unter dem Titel "Die Zukunft von Arbeitsverhältnissen: Wie anfällig sind Jobs für die Computerisierung?" veröffentlicht, im Juli 2014 eine ähnliche von J. Bowles von der London School of Economics and Political Science: "Die Computerisierung europäischer Jobs – wer profitiert, wer verliert bei den Auswirkungen neuer Technologien auf alte Beschäftigungsverhältnisse?"

Und schon im Jahr 1930 befasste sich John Maynard Keynes in seinem Aufsatz ""Ökonomische Möglichkeiten für unsere Enkel"" mit der Welt im Jahr 2030. Die Einleitung seines Aufsatzes könnte auch heutzutage als Leitartikel in der Wirtschaftspresse durchgehen: "Wir leider an einem schlimmen Anfall von ökonomischem Pessismus".

In Bezug auf den Fortschritt der Technologie diagnostizierte Keynes, dass die Zunahme technischer Effizienz schneller stattgefunden habe, als die Gesellschaft lernen könne, mit der Vernichtung von Arbeitsplätzen umzugehen.  Allerdings meinte Keynes, im Jahr 2030 hätten sich die meisten wirtschaftlichen Probleme erledigt. Das scheint aus heutiger Sicht etwas zu optimistisch gewesen zu sein.

Susskind: unrealistisch, dass Anwälte so besonders sind

Aber müssen auch Anwälte damit rechnen, durch Computer ersetzt zu werden? Für die Branche zeichnete Richard Susskind in "Tomorrow’s Lawyers" ein ähnlich düsteres Bild.

Er hat insbesondere auf den IBM-Computer Watson verwiesen. Dieser konnte bei der in den US sehr populären Spielshow Jeopardy die beiden besten – menschlichen - Spieler, die es dort jemals gegeben hatte, um Längen schlagen. Wenn weiterhin davon auszugehen sei, dass ein Notebook im Jahr 2050 mehr Rechenkapazität als die gesamte Menschheit haben werde, sei es, so Susskind, völlig unrealistisch, wenn Anwälte sich nach wie vor für so besonders und anders hielten, dass das alles für sie nicht gelte.

Alle diese Voraussagen aber weisen ein wesentliches Defizit auf: Sie definieren den Begriff der künstlichen Intelligenz nicht und argumentieren bei der Betrachtung der juristischen Arbeit eher pauschal. Anders lassen sich die völlig unterschiedlichen Vorhersagen – hier die Annahme, dass Anwälte nur zu 3,5 Prozent computergefährdet sind, dort die Vorhersage, dass fast die ganze Profession überflüssig wird (oder schon ist) – nicht erklären. Ihre Ergebnisse scheinen eher Glaubenssache zu sein als Gegenstand sachlicher Analyse.

Aber ein General Counsel muss heute darüber nachdenken, wie er künftig die Erledigung der Funktion "Recht und Risikomanagement" bewerkstelligen wird. Ein Managing Partner muss heute entscheiden, wie Leistungen seiner Sozietät auch morgen noch wertsteigernd erbracht werden können. Es braucht also Kriterien - für die Frage, welche Aufgaben auch künftig nur von Menschen erbracht werden können und welche nicht.

Was ist (künstliche) Intelligenz?

Was also ist künstliche Intelligenz? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort; Wikipedia definiert sie als "Teilgebiet der Informatik, welches sich mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens befasst". Der Begriff sei insofern nicht eindeutig abgrenzbar, als es bereits an einer genauen Definition von Intelligenz mangelt.

Das macht uns noch nicht klüger, denn: Was ist Intelligenz? Behelfen wir uns mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner der meisten Erklärungsansätze: Intelligenz wird als eine Fähigkeit angesehen, sich in neuen Situationen durch Einsicht zurechtzufinden oder Aufgaben durch Denken zu lösen. Das geschieht nicht nur durch Erfahrung, sondern durch die schnelle Erfassung von Korrelationen. Intelligenz ist also die Fähigkeit, insbesondere durch abstraktes logisches Denken Probleme zu lösen und zweckmäßig zu handeln, oder, in der kurzen Definition von Stephan Breidenbach: Intelligenz ist Wissen im Anwendungszusammenhang.

Künstliche Intelligenz müsste also durch einen Computer Wissen im Zusammenhang anwenden. Man könnte sich also tatsächlich vorstellen, dass es menschlicher Fertigkeiten und der menschlichen Intelligenz nicht mehr bedürfte, wenn das durch eine Maschine erledigt werden könnte – Hal und der Terminator lassen grüßen.

Zitiervorschlag

Markus Hartung, Künstliche Intelligenz und die Zukunft juristischer Arbeit: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Computer mich ersetzt?. In: Legal Tribune Online, 31.03.2015, http://www.lto.de/persistent/a_id/15034/ (abgerufen am: 23.04.2017)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 31.03.2015 22:51, ITler

    Recht ist weitgehend immun gegen computerisierte Analyse und darauf gestützter Schlussfolgerungen, weil es Ergebnis sozialer Prozesse ist, die sich nur bruchstückhaft der Logik bedienen. Es ist kristallisierte Politik.

    Damit Computer erfolgreich juristischen Rat erteilen könnten, müsste man sie auch urteilen lassen. Jeder Student, der sich Anfangs noch über den Bewertungsspielraum bei seinen Klausuren wundert, begreift irgendwann, wie Jura funktioniert und wie nicht. Wer die Brille des Naturwissenschaftlers auf hatte, lernt den kreativen Umgang mit Logik, Wortlaut und der "Billigkeit" entsprechenden Ausnahmen davon schnell hassen. Vielleicht macht er es wie ich seinerzeit und sich einen Spaß daraus, bei den einen Klausuren die Überschriften zu unterstreichen und bei den anderen nicht, und die Notendifferenz zu korrelieren.

    Recht bedeutet in Ausbildung und Praxis, Menschen zu überzeugen. Im Einzelfall sind das immer sehr wenige Menschen. Ein Richtig und Falsch gibt dabei nicht oder es spielt zumindest keine Rolle. Den "Nerv" dieser paar Leute muss man treffen.

    Die eigentliche Frage ist daher: Wäre die Welt gerechter, wenn wir das Recht Computern überließen?

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 01.04.2015 04:04, HAL9000

    Muss man wirklich auf so einen schlechten Artikel antworten? Selbst Juristen können die Materie dem Normalbürger kaum näher bringen. Wie soll denn das bitte schön ein Computer schaffen? Außerdem ist die Materie bei weitem zu komplex als das ein Computer sie erfassen könnte oder gar einen Menschen übertreffen könnte. Jedenfalls nicht in den nächsten 100 Jahren.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 01.04.2015 13:35, Software Investor

      Komplexität ist für Computer allerdings kein Problem, ich jedenfalls ziehe die richtigen Schlüsse daraus und investiere in die Firmen die solche Software herstellen. Damit mache ich bereits jede Menge Profit ;)

      Ich denke zwar nicht das Software Juristen vollständig ersetzen wird, allerdings wird die Arbeit der Juristen damit effizienter so das man bei weitem nicht mehr so viele Juristen benötigen wird.

  • 09.01.2017 15:49, Pretoni

    Der Kommentator von eben, sollte in erster Linie in einen DUDEN investieren, damit
    er die Grammatik besser beherrscht. ( z.B.... dass ... )

    Auf diesen Kommentar antworten
Neuer Kommentar