Donnerstag, 24.04.2014

Interview zum Krawattenzwang vor Gericht

"Wichtiger ist, was der Anwalt auf dem Hals trägt"

Interview mit Markus Hartung

09.03.2013

Krawatte

Baden-Württemberg will die anwaltliche Pflicht abschaffen, vor Gericht Krawatte zu tragen. Seit 2009 hat Berlin schon keine Robenpflicht mehr. Im LTO-Interview erklärt der Vorsitzende des DAV-Berufsrechtsausschusses Markus Hartung, dass Krawatten sozialisationsbedingt sind, Roben viel mit Schuluniformen gemeinsam haben und der Verfall von Sitte und Anstand nicht unmittelbar droht. 

LTO: Tragen Sie vor Gericht Krawatte?

Hartung: Ja, immer!

LTO: Was sind Ihre Erfahrungen, wie hält es die Mehrheit Ihrer Kollegen?

Hartung: Nur sehr wenige Kollegen treten vor Gericht ohne Krawatte auf. Ich bin überwiegend vor den Landgerichten tätig – dort habe ich noch nie einen Kollegen ohne Krawatte gesehen. Mit Ausnahme von Jonny Eisenberg …  (Anm. d. Red: Ein Rechtsanwalt in Berlin, auf die Bearbeitung von strafrechtlichen und medien- beziehungsweise presserechtlichen Mandaten spezialisiert. Er vertritt unter anderem die Tageszeitung "taz", für die er auch als Kolumnist tätig war).

Sonst tritt jeder Anwalt mit Krawatte auf. Nie mit einer weißen, sondern immer mit einer normalen Krawatte. Beim Amtsgericht kommt es häufiger vor, dass Kollegen ohne Krawatte und ohne Robe kommen. Und einige Strafverteidiger treten mit weißer Krawatte auf.

LTO: Warum?

Hartung: Das weiß ich gar nicht so genau. Ich glaube, es geht eher darum, keinem Richter irgendeinen Anlass zu bieten, um Ärger zu machen.

"Weiße Bluse mit weißer Schleife bei Frauen – habe ich noch nie gesehen!"

LTO: Vielleicht auch, um eine Art Waffengleichheit gegenüber den Staatsanwälten zu schaffen, die ja immer weiße Krawatten tragen?

Rechtsanwalt Markus HartungHartung: Für die Staatsanwälte ist das vorgeschrieben. Diese müssen sich, da sie ja in einem Weisungsverhältnis stehen, daran auch immer halten. Bei Anwälten ist das naturgemäß anders. Aber die Vorschrift in Baden-Württemberg, die nun abgeschafft werden soll, regelt zum Beispiel nicht nur die Berufskleidung für Anwälte, sondern schreibt die Amtstracht für Gerichtspersonen vor.

Vor allem die Roben und deren Besatz werden geregelt, da unterscheiden sich ja die Richter, Anwälte und Protokollführer. Für Männer gibt sie außerdem ein weißes Hemd mit "weißem Binder" vor.

Frauen sollen danach übrigens in einer weißen Bluse mit weißer Schleife erscheinen – das habe ich noch nie gesehen!

LTO: Nein, beim besten Willen nicht. Ich persönlich habe auch noch nie eine weiße Bluse mit weißer Schleife besessen.

Hartung: Ich glaube, das gibt es auch gar nicht. Die Richterinnen oder die Kolleginnen, die ich kenne, tragen in der Regel unter der Robe ein Kostüm oder einen Hosenanzug, dazu häufig ein Tuch oder einen weißen Seidenschal um den Hals. Damit kommt man wunderbar klar.

"Vor Gericht wie im Geschäftsleben"

LTO: Das baden-württembergische Justizministerium hat sich zur Begründung der Abschaffung der Krawattenpflicht auf§ 20 der Berufsordnung für Rechtsanwälte (BORA) berufen. Eben weil die Vorschrift bundeseinheitlich regelt, wie Anwälte vor Gericht zu erscheinen haben, nämlich - nur - in einer Robe. Halten Sie vor diesem Hintergrund eine Krawattenpflicht auf Länderebene überhaupt für rechtlich haltbar?

Hartung: In § 20 der Berufsordnung für Rechtsanwälte (BORA) ist nur von der Robe die Rede. Über das, was man unter der Robe tragen soll, finden sich dort keinerlei Angaben.

Ich persönlich finde, dass eine Robe - bei einem Mann – mit einem offenen Hemd und ohne Krawatte seltsam aussieht. Aber das ist ja eher eine Geschmacksfrage.

Rechtlich ist eine solche Pflicht eigentlich nicht haltbar. Man kann niemandem vorschreiben, was er irgendwo anzuziehen hat. Ich finde aber, dass man sich bei Gericht einfach so vernünftig anziehen sollte, wie man das im Geschäftsleben eben macht. Letztlich geht es dabei ja gar nicht um den Anwalt oder den Richter, sondern um die Mandanten.

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  1. Seite 1: "Vor Gericht sollte man sich anziehen wie im Geschäftsleben"
  2. Seite 2: "Gute Gründe für die Amtstracht - aber es ginge auch anders"
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Zitiervorschlag

Markus Hartung, Interview zum Krawattenzwang vor Gericht: "Wichtiger ist, was der Anwalt auf dem Hals trägt". In: Legal Tribune ONLINE, 09.03.2013, http://www.lto.de/persistent/a_id/8292/ (abgerufen am 24.04.2014)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare

11.03.2013 15:09
strafrecht-anwalt.at verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext:
Legal Tribune Online
strafrecht-anwalt.at Auf diesen Kommentar antworten

13.03.2013 15:17
Ohne anmassend erscheinen zu wollen: das Interview hätte nicht mit Herrn Kollegen Hartung, sondern mit mir geführt werden sollen. Dann hätte ich mit weit weniger Sätzen erläutert, was ich von der Absicht meines Bundeslandes halte, die Krawattenpflicht für Rechtsanwälte bei Gericht abzuschaffen - nämlich: Nichts, rein gar nichts ! Da wäre vielmehr zuvor die Diskussion darüber angezeigter und glaubhafter, den Berufsstand des Rechtsanwalts selbst abzuschaffen !!
Gunther Marko
D-72172 Sulz am Neckar, Mittwoch, 13. März 2013, 15 Uhr 15.
Gunther Marko Auf diesen Kommentar antworten

15.03.2013 00:57
Da die Berliner Regelung zum Tragen der Robe für Anwälte in Berlin auf mich zurückgeht, fühle ich mich zu einer kleinen Korrektur veranlasst.In Berlin ist für Anwälte die Pflicht, eine Robe zu tragen, keineswegs abgeschafft worden. § 20 BORA regelt, dass eine Robe zu tragen ist, "soweit dies üblich ist". Ob dies bei Anwälten üblich ist, regelt in fast allen Ländern die Justizverwaltung. Dass diese dazu auch die Kompetenz besitzt, ist in Berlin bis zum OVG ausgeurteilt worden.Ich habe das für einen Anachronismus gehalten. Die Begründung aus dem politischen Testament Friedrichs II. dürfte heute kaum noch tragend sein. Also regelt die entsprechende VO in Berlin seit 2009, dass die Anwaltschaft - nicht mehr die Justizverwaltung - regelt, was für sie üblich ist. Nach einer Übergangsphase hat die RAK Berlin aufgrund der Stellungnahmen aus der Anwaltschaft und der Praxis vor den Gerichten inzwischen entschieden, dass das Tragen der Robe in Berlin üblich ist. Damit hat die Anwaltschaft selbst entschieden. Selbstbestimmung statt Oktroyation war das Ziel der Regelung.
Hasso Lieber, Staatssekretär a.D., Rechtsanwalt
Hasso Lieber Auf diesen Kommentar antworten
Antwort auf den Kommentar von Hasso Lieber 15.03.2013 09:26
Sehr geehrter Herr Lieber, im Ergebnis ist es gut, dass das Tragen der Robe in Berlin "üblich" ist, wie Sie offenbar richtigstellend berichten. Besten Dank dafür ! Das Problem bei der "Selbstbestimmung" des anwaltlichen Berufsstandes liegt indes darin, dass Rechtsanwälte mitnichten in einem "einheitlichen" Licht gesehen werden können und auch nicht dargestellt werden können, wie das immer wieder, insbesondere von den Kammern in Ausübung ihrer "Berufsaussicht" (eine absolute Schande, dass eine solche "Aufsicht" bei hochqualifizierten Berufsträgern überhaupt statuiert ist) herangezogen wird. Üblicherweise sind Rechtsanwälte untereinander von Berufes wegen mehr oder weniger zerstritten. Jedenfalls ist dies auch aus vielen anderen Gründen, die z.B. in den verschiedenen Beschäftigungsvarianten von Anwälten zu finden sind, mitnichten ein homogener, "einheitlicher" Berufsstand. Die "Anwaltschaft" entscheidet allein deshalb nämlich mitnichten als solche selber. Sondern letztlich nur die "Amtsträger" oder Funktionäre ihrer Berufsstandsvereinigungen (zum Beispiel RAK oder DAV) mit beachtlicher regelrecht starrer personeller und noch dazu offenkundig parteipolitisch geprägter Beständigkeit) bis ins hohe Lebensalter "von ganz oben herab". Das bedeutet eine "Oktroyation", ich meine besser "Päpstlichkeit" ganz eigener Art, die sich nur wenig von dem von Ihnen zitierten "Friedrich II" unterscheiden dürfte. Mal ganz ehrlich: Eine vollkommene Mogelpackung ! Es ist überfällig und dringendst angezeigt, man überträgt solche Dinge einer von Rechtsanwälten ganz allgemein unabhängigen und neutralen, völlig neu einzurichtenden Abteilung bei den jeweiligen Landesjustizverwaltungen, die mit -gottlob- vereidigten und lauteren, redlichen Berufsträgern besetzt sind, die auch nicht andeutungsweise in dem Licht erscheinen, sie könnten mit anderen jeweiligen Berufsträgern in einem Konkurrenz- bzw. Wettbewerbsverhältnis stehen, wie es gerade eben in den jeweiligen Kammerbezirken der (höchst skandalöse und verwerfliche!) Fall ist. Höchst schädliche Kollisionen und Unlauterkeiten jeglicher Art wären damit erheblich eingeschränkt. Fazit: Ich halte das Institut der "Selbstverwaltung" der Anwaltschaft vor dem Hintergrund täglich wiederkehrender unlauterer Praktiken, denen praktisch nicht andeutungsqweise effektiv begegnet werden kann, für eine einzige Farce ! "Friedrich II" lässt auch heute TÄGLICH grüssen - das gilt es, unverzüglich zu beenden und neuen, ordentlichen und guten Strukturen und Zuständigkeiten zuzuführen !
Gunther Marko
D-72172 Sulz am Neckar, Freitag, 15 März 2012, 9 Uhr 07.
Gunther Marko

22.03.2013 22:36
mode-man.de verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext:
Autorität
mode-man.de Auf diesen Kommentar antworten

06.08.2013 16:34
"Über das, was man unter der Robe tragen soll, finden sich dort keinerlei Angaben?" LAAAACH, Herr Hartung! Wie schade, darum sollten sich erfahrene Gesetzesmacher mal kümmern!
Ich finde diese Krawatten- und "Schleifen"zwänge ebenso peinlich wie den lächerlichen Versuch, sich durch das Tragen von T-Shirts und ausgelatschten Mephisto-Wanderschuhen visuell aus der faktischen Hierarchie eines Gerichtssaals zu verabschieden!
Die Robe selbst sollte ja ursprünglich wohl einen angstmindernden Effekt auf die User der Justiz gehabt haben - funktioniert heute allerdings auch nicht mehr. Ich habe schon mal erlebt, wie die Bevölkerung in einem Zivilverfahren aussieht, wenn zeitgleich drei schwarze Raben vor ihnen aufgetürmt sind.
Etwas gesunder Menschenverstand kann wohl auch hier nicht schaden, nehme ich an:-)
Ihre Johanna Busmann
Johanna Busmann Auf diesen Kommentar antworten

27.01.2014 15:52
www.strafakte.de verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext:
Johan­nes „Johnny“ Eisen­berg
www.strafakte.de Auf diesen Kommentar antworten
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