Verständliches Juristendeutsch: Auf All­tag­s­taug­lich­keit getestet

von Sabine Olschner

05.04.2017

Die juristische Sprache ist für Nicht-Juristen oft schwer zu verstehen. Muss das eigentlich sein? Das Land Niedersachsen setzt sich für verständlichere Sprache in der Justiz ein.

 



"Mitversichert sind die minderjährigen und die unverheirateten, nicht in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft lebenden, volljährigen Kinder, letztere jedoch längstens bis zu dem Zeitpunkt, zu dem sie erstmalig eine auf Dauer angelegte berufliche Tätigkeit ausüben und hierfür ein leistungsbezogenes Entgelt erhalten. Dies gilt auch für Stief-, Adoptiv-, oder Pflegekinder."

Was für den Juristen selbstverständlich klingt, ist für den Normalbürger in der Regel erst einmal ein Satz mit sieben Siegeln. Solange Juristen miteinander kommunizieren, ist das alles kein Problem. Schwierig wird es dann, wenn juristische Formulierungen den Bürger betreffen – dieser aber keine Ahnung hat, um was es eigentlich geht.

Verständlichkeit kein "nettes Extra"

Die Fachsprache der Justiz ist oft sehr vielschichtig, kompliziert, umständlich und formalistisch. Sie ist für rechtsunkundige Bürger oft schwer oder teils gar nicht verständlich. Das sagt nicht ein rechtsunkundiger Bürger, sondern die Niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz – und fügt hinzu: "Eine verständliche Sprache ist kein nettes 'Extra'. Sie ist die Voraussetzung für den Zugang zum Recht". Sie lud daher verschiedene Experten zu einer Diskussionsrunde "Verständliche Sprache in der Justiz" ein. Ihr Ziel: "Wir brauchen eine verständliche, alltagstaugliche Sprache, damit die Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern gelingt".

In Niedersachsen tut sich einiges, seitdem die Justizministerin vor drei Jahren das Projekt "Verständliche Sprache" ins Leben gerufen hat. So wird derzeit zum Beispiel für die über 15.000 Arbeitsplätze in der Niedersächsischen Justiz eine IT-gestützte Lösung erarbeitet, die dabei helfen soll, Texte verständlicher zu formulieren. Dr. Anikar Haseloff ist Geschäftsführer der H&H Communication Lab GmbH, die die Software dafür entwickelt. "Unser Programm Textlab erkennt komplexe Wörter und Begriffe und macht Vorschläge, wie man es besser machen kann", erklärt Haseloff. Überflüssiges wird gestrichen, Kompliziertes durch Einfaches ersetzt oder erläutert. Die Vorschläge können die Juristen des Justizministeriums selbst auf Rechtssicherheit prüfen

Kulturwandel für Juristen

"Manche Begriffe sind alternativlos, weil sie rechtlich bedeutsam sind", weiß der H&H-Geschäftsführer. "Aber viele andere können durchaus ersetzt werden." Seine Beobachtung: Die juristische Sprache sei – auch im Vergleich zur Sprache in Unternehmen – sehr speziell. "Juristen lernen in ihrer Ausbildung die neue Sprache schnell, tun sich aber oft schwer damit, wieder umzudenken. Das ist so etwas wie ein Kulturwandel für sie."

Der eingangs erwähnte Satz klingt nach der Prüfung durch Textlab so: "Mitversichert sind minderjährige Kinder, Stief-, Adoptiv- oder Pflegekinder, unverheiratete* volljährige Kinder, Stief-, Adoptiv- oder Pflegekinder. Die Kinder dürfen nicht in einer eigenen eingetragenen Lebenspartnerschaft leben. Die Mitversicherung von volljährigen Kindern endet, wenn diese zum ersten Mal eine dauerhafte berufliche Tätigkeit ausüben und ein Einkommen erhalten". Besser zu verstehen, oder?

Zitiervorschlag

Sabine Olschner, Verständliches Juristendeutsch: Auf Alltagstauglichkeit getestet. In: Legal Tribune Online, 05.04.2017, http://www.lto.de/persistent/a_id/22576/ (abgerufen am: 20.07.2017)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 05.04.2017 12:08, Dobke, Ullrich

    Ja - ok, der Selbstvorwurf ist sicher begründet! Ich meine allerdings, dass die Sprachentwicklung beim Gesetzgeber viel eher als inflationär zu bezeichnen ist. Er muß mGesetze so formulieren, daß der Bürger sie versteht und sich daran halten kann! Stattdessen hat er in den letzten ca. 20 Jahren ( etwa seit Gerhard Schröder ) einen Sprach-Tsunami ausgelöst! Nicht nur als große Welle, auch mit heftigsten Kreuzseen und wir können in diesem Zusammenhang nur DANK gegenüber den Verfassungsrichtern aussprechen, sowohl in der BRD insgesamt, wie aber auch den Landesverfassungsrichtern, wie zB in NRW.

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  • 05.04.2017 12:32, FS

    "Der eingangs erwähnte Satz klingt nach der Prüfung durch Textlab so: 'Mitversichert sind [...] verheiratete volljährige Kinder'. Besser zu verstehen, oder?"

    Vielleicht besser zu verstehen, aber falsch! Oben heißt es nämlich: "Mitversichert sind die minderjährigen und die unverheirateten, nicht in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft lebenden, volljährigen Kinder." Die Mitversicherung besteht also gerade NICHT für verheiratete volljährige Kinder.

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    • 06.04.2017 13:11, FSJ

      Inhaltlich falsch und noch nicht einmal besser zu verstehen. Das Original ist wesentlich besser lesbar. Absoluter Dünnpfiff, dieser Artikel. Aber ist ja nicht das erste Mal von dieser Autorin.

      Es wäre schon viel gewonnen, wenn der Gesetzgeber aufhören würde, Rechtstexte zu gendern (und dann auch noch unvollständig).

  • 05.04.2017 12:33, Invitatio

    Für mich sagen die beiden Sätze nicht mehr das gleiche aus, denn aus den unverheirateten sind auf einmal verheiratete Kinder geworden. Und warum wird aus der eingetragenen Lebenspartnerschaft eine "eigene" eingetragene Lebenspartnerschaft. Seltsam.

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  • 05.04.2017 13:00, Hyperion

    Genau darin liegt doch das Problem: Juristensprache ist vielecht umständlich, kompliziert und für Laien schwer nachvollziehbar, aber für die ist sie ja auch nicht gedacht! Juristensprache soll in erster Linie präzise sein. Wenn mann einen langen Rechtssatz dann in mehrere kürzere umwandelt und dabei Fehler macht (siehe Vorkommentare), dann ist damit keinem geholfen. Es würde doch auch keinem in den Sinn kommen, Programmierern vorzuschreiben, sie mögen sich bitte nicht so "technisch" ausdrücken oder Medizinern, sie sollen keine lateinischen Bezeichnungen mehr verwenden.

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    • 07.04.2017 14:45, Buerger

      Grundsätzlich ist jeder Bürger verpflichtet die Gesetze einzuhalten! Grundsätzlich soll hier heißen, dass in jedem Falle diese Verpflichtung gilt, nicht wie oft in Gesetzestexten ein Hinweis generiert wird, dass es Ausnahmen von dieser Aussage gibt.
      Der Unterschied zu einem Programmiertext und einem Gesetzestext ist also, dass der Programmiertext nur von einschlägigen Fachleuten verstanden werden muss und der Nutzer eben nur das Resultat nutzt. Der Gesetzestext aber von ALLEN BÜRGERN verstanden werden muss, da Diese ja danach handeln müssen!!!
      Bei dem oben genannten Projekt ("Leichte Sprache") stört mich aus diesem Grunde, dass Die in leichter Sprache verfassten Texte (Gesetze) keine Rechtsgültigkeit haben und damit wertlos für eine Orientierung der Bürger sind.

      Aus meiner bisherigen Erfahrung als Kläger und Beklagter (mit und ohne Anwalt) kann ich nur sagen, dass Anwälte mit der jetzigen juristischen Fachsprache nicht klar kommen, was dadurch auch zum Ausdruck kommt, dass jeder Anwalt sich weigert eine Prognose für den Ausgang eines Rechtsstreites zu geben (also als Fachsprachler selbst Schwierigkeiten mit den Gesetzestexten hat).
      Der Volksmund sagt ja nicht um sonst, "frage 2 Juristen, und du bekommst 3 Antworten" , oder wie mir ein juristisch gebildeter Kollege mal sagte "in Deutschland kannst Du alles machen, wenn du nur die entsprechenden Gesetze für dich sinnvoll anwendest"
      Bei verständlicher Gesetzessprache würde vielleicht der Anwaltsberuf überflüssig werden, denn der Bürger könnte sich allein an Gesetzen orientieren?

      Die Initiative Gesetze für die Bürger verständlich zu machen, Die Diese auch beachten sollen finde ich in diesem Zusammenhang lobenswert, wenn auch noch nicht weit genug gehend.

    • 20.04.2017 16:05, Heinz

      "Aus meiner bisherigen Erfahrung als Kläger und Beklagter (mit und ohne Anwalt) kann ich nur sagen, dass Anwälte mit der jetzigen juristischen Fachsprache nicht klar kommen, was dadurch auch zum Ausdruck kommt, dass jeder Anwalt sich weigert eine Prognose für den Ausgang eines Rechtsstreites zu geben (also als Fachsprachler selbst Schwierigkeiten mit den Gesetzestexten hat)."

      Ist vielleicht etwas einfach gedacht. Ein Rechtsstreit wird nicht nur durch Auslegung der Gesetze entschieden, sondern vielmehr durch den Ausgang der Beweisaufnahme.

  • 05.04.2017 15:46, Keine Sorge

    Wir sollten die Sprache auf Arabisch umstellen und das BGB auf die Scharia, wenn wir dann noch gendern und das Binnen-I an die richtige Stelle setzen und die Queren und sonstigen warmen Brüder, der Scharia gemäß, auf die Hochhäuser befördern oder war es runter, dann haben wir mit der Sprache und den ganzen Rechtskram keine Probleme mehr , denn es steht alles im Buch. Diesen hier Qur'an oder so القرآن al-qurʾān.

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    • 05.04.2017 16:14, ULLRICH DOBKE

      Is 'n Spass, aber es ist schon was dran! :o)

  • 06.04.2017 15:50, Rumpf

    Allein schon Anwaltsschriftsätze zu lesen ist oft ein Grauen. Das beginnt im Studium, wo übermotivierte Kommilitonen sich höchstmöglicher juristischer Terminologie befleißigen. Als Assistent in Frankfurt vor gut 30 Jahren habe ich hin und wieder Anregungen erteilt, wie sich manche Sprachgewinde auch einfacher verständlich formulieren lassen. Allerdings gibt es noch größere Hämmer, z.B. in Frankreich oder in der Türkei. Die Gesetze noch einigermaßen verständlich, sind dann Gerichtsurteile geradezu unlesbar für den Nichtjuristen. Ich sehe hier vor allem auch die Anwälte in der Pflicht - wenn sie denn überhaupt können. Denn da paart sich manchmal noch das sprachliche Gewinde mit gravierenden Macken im Metall.

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  • 06.04.2017 16:22, Pelle

    Meiner Erfahrung aus dem Studium nach - ich habe bewusst versucht, mich einigermaßen "normal" auszudrücken - waren die Bewertungen durchweg höher, wenn man sich verquast pseudojuristisch ausgedrückt hat. Das hat mich zwar geärgert, aber letztlich war mir das Bestehen den Klausuren dann doch wichtiger. Wenn der Stil verlangt wird, bitte, dann bring ich ihn eben.

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