Mode für Juristinnen: "Bestehende Kleiderregeln charmant hinterfragen"

Getragen wurde sie schon im alten Preußen: 1726 befahl Friedrich Wilhelm I. seinen Anwälten, in Robe vor Gericht aufzutreten. Seitdem hat die Amtstracht einige optische Änderungen durchlaufen, aber an die körperlichen Proportionen der immer zahlreicher werdenden Juristinnen wurde sie nie angepasst. Zwei Unternehmerinnen wittern da eine Marktlücke - und wollen ganz nebenbei die Kleiderregeln revolutionieren.

 

Mit einem Knarren öffnet sich die Tür zum Gerichtssaal. Die Kamera zoomt auf ihre Schuhe: pinke Sandalen mit Fesselriemchen und strassbesetzten Schnallen. Dann ein Schwenk auf das knallpinke Kleid: knielang, eng anliegend und mit tiefem V-Ausschnitt. Um die Taille ist eine rosafarbene Schleife gebunden, verziert mit unzähligen Glitzersteinchen. Kragen und Manschetten glänzen in dezentem rosa Satin. Die pinke Handtasche fest unter den Arm geklemmt, genießt Elle Woods ein paar Sekunden lang den verwirrten Blick der Staatsanwältin. Dann stöckelt sie selbstbewusst auf die Richterbank zu.

Laufstegreife Auftritte wie diesen der Hauptfigur aus der Jura-Komödie "Natürlich Blond" sind vor deutschen Richtern nicht nur unüblich – sie wären vor den meisten sogar verboten. Denn § 20 Satz 1 der Berufsordnung für Rechtsanwälte (BORA) legt für Anwältinnen ebenso wie für deren männliche Kollegen fest: Wer vor Gericht verhandeln will, muss grundsätzlich in Robe kommen. Ginge es nach Laura Kubach, könnten Anwältinnen dabei allerdings trotzdem eine gute, weil weibliche Figur machen. Gemeinsam mit der Designerin Ulla Kraus hat die Düsseldorfer Anwältin eine Robe speziell für Frauen entworfen: die "Garde-Robe".

Fotos der Garde-Robe im Einsatz - zur Übersicht

"Man konnte sich nicht vorstellen, dass auch Frauen Robe tragen"

"Die Vorgaben für Roben, auf denen die Schnittmuster der großen Hersteller beruhen, sind mittlerweile reichlich angestaubt", findet Kubach. Gegen Mitte des letzten Jahrhunderts verfasst, wurden viele Vorschriften für die Roben der Richter, Staats- und Rechtsanwälte erkennbar für eine männliche Juristenschaft entworfen. So heißt es in einer Vorgabe von 1963: "Die Robe liegt auf den Schultern und der Brust glatt an." Und: "der weiße Langbinder" müsse darunter gut sichtbar sein. "Man konnte sich damals schlicht noch nicht vorstellen, dass die Roben auch einmal von Frauen getragen werden sollten", so Kubach. Breite Schultern, weite Ärmel, reichlich Seidenbesatz an der Vorderseite: Was bei einem großen Mann würdevoll aussieht, lässt manch zierliche Anwältin optisch untergehen.

Mit der "Garde-Robe" wollen Laura Kubach und Ulla Kraus überall dort Abhilfe schaffen, wo die klassische Robe Frauen nicht passt: Für ihre Version der Amtstracht verwenden sie deutlich weniger Stoff und einen Brustabnäher, um den sonst häufig zeltartigen Schnitt an weibliche Proportionen anzupassen. Auch an den Ärmeln und der Schulterpartie wird gespart, um dem schmaleren Körperbau Rechnung zu tragen. Die Breite des vorgeschriebenen Besatzes – Samt für die Richterin, Seide für die Anwältin – haben sie entsprechend angepasst. Vier verschiedene Modelle bieten die Unternehmerinnen in ihrem Online-Shop an. Die sehen auf den ersten Blick gar nicht so anders aus als die klassische Robe. Sollen sie auch gar nicht, sagt Laura Kubach: "Wir wollen mit der 'Garde-Robe' keine Mode machen, sondern nur die traditionelle Robe an den Körperbau der Anwältinnen anpassen."

Vorschriften für Richterinnen teils strenger

Ihre These: Sitzt die Robe gut, fühlt sich ihre Trägerin wohl und kann auch juristisch besser agieren. "Ein Outfit kann nicht nur Selbstbewusstsein geben, sondern auch bewusst eingesetzt werden", sagt Laura Kubach. In der "Garde-Robe" werde sie von Richtern und Anwälten der Gegenseite ernster genommen und könne dadurch besser verhandeln als im klassischen Modell. Ein Boost fürs Selbstbewusstsein, der nicht ganz billig zu haben ist: Die vier Roben-modelle tragen Preisschilder zwischen 379 und 399 Euro. Die erste Ladung haben die Unternehmerinnen dennoch bereits verkauft. Kundinnen fanden sich über private Kontakte und eine eigens organisierte Modenschau. Inzwischen sind auch spezielle, blaue Roben für Patentanwältinnen in Arbeit.

Das Geschäft mit der Anwaltsrobe boomt: Noch im vergangenen Monat machte die Gewandmeisterei Wasmer von sich reden, die ebenfalls unkoventionelle Roben herstellt – allerdings nicht für eine spezifisch weibliche Trägerschaft, sondern für Fachanwälte beiderlei Geschlechts.

Einer Gruppe Richterinnen, die eine "Garde-Robe" bestellen wollten, musste Laura Kubach indes erst einmal eine Absage erteilen: Noch verbieten manche Bundesländer Juristen im Staatsdienst, im Gerichtssaal etwas anderes als die genau normierte Robe zu tragen. Diese Vorschriften zu ändern, ist erklärtes Ziel von Laura Kubach und Ulla Kraus: "Mit unseren Roben wollen wir die bestehenden Kleiderregeln auf charmante Weise hinterfragen", so Kubach. Sie riet den Richterinnen daher, über ihre Personalvertretungen, Richter- und Juristinnenbünde auf die in die Jahre gekommenen Normen aufmerksam zu machen.

Und sogar für die innere Elle Woods haben die Unternehmerinnen vorgesorgt: Sie nehmen auch Sonderwünsche für die "Garde-Robe" entgegen. "Wir können sogar pinke Knöpfe einnähen", sagt Laura Kubach. Auch wenn die vermutlich von der schwarzen Knopfleiste verdeckt werden: Die Debatte um Stilfragen vor Gericht kommt so schnell nicht außer Mode.

Zitiervorschlag

Anna K. Bernzen, Mode für Juristinnen: "Bestehende Kleiderregeln charmant hinterfragen". In: Legal Tribune Online, 31.07.2014, http://www.lto.de/persistent/a_id/12729/ (abgerufen am: 28.05.2016)

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Kommentare
  • 31.07.2014 10:59, Peter Neumann Köln

    Wer sich verbal zum Grundwert der Freiheit bekennt, der sollte konsequenterweise dann in seinem Handeln auch dafür eintreten, daß staatliche Gesetze die Menschen nur dann zu etwas zwingen dürfen, wenn dazu eine unabweisbare Notwendigkeit besteht.
    Bei Soldaten ist es notwendig, daß sie Uniformen tragen, damit man auf dem Schlachtfeld Freund und Feind unterscheiden kann.
    Ansonsten aber sollte den Menschen grundsätzlich freigestellt sein, wie sie sich kleiden.

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  • 31.07.2014 16:10, Robenbaby

    Uniforme Kleidung, nichts anderes ist das ja, hat v. a. schon immer den Sinn den Träger der Kleidung zu schützen. Wenn zB Betrunkene Polizeibeamte in Uniform anpöbeln, dann hört man von den Beamten regelmäßig, dass diese dies dadurch "wegstecken", indem sie sich bewusst machen, dass der betreffende Bürger nicht Herrn Mustermann persönlich beleidigen möchte, sondern die Uniform - die Funktion, in der er gerade vor Ort ist und pflichtgemäß gegen eine Ruhestörung vorgeht - beleidigt. Ähnlich ist es in allen Bereichen, wo Menschen Uniformen tragen. Auch dort, wo es nicht um "Trouble" geht - vgl. die Berufskleidung von Krankenpflegern und Ärzten, die insgesamt auch sehr uniform ist. In der Medizin müssen die Angestellten viele menschliche Schicksale verdauen und damit professionell umgehen - schon weil sie den Patienten keine Hilfe mehr sind, wenn sie aus mangelnder Distanz ständig mitleiden. Und wenn Sie bedenken, was so alles vor Gericht für Streitigkeiten ausgetragen werden ist es für den Selbstschutz derjenigen, die dies beruflich tagtäglich aushalten müssen, in meinen Augen rein psychologisch gar nicht so unwichtig, davon auch durch Äußerlichkeiten einen professionellen Abstand zu wahren (sonst kann man diese Tätigkeit schlicht nicht lange ausüben). Und Recht und Gerechtigkeit sind nach dem subjektiven Empfinden auch für Juristen nicht stets deckungsgleich, um mit solchen Widersprüchen irgendwie umzugehen braucht man dringend professionelle Distanz. Und dazu, das sind relativ banale psychologische Erkenntnisse, helfen Menschen einfach Dinge wie Uniformen. Ob man das nun kognitiv bewusst so wahrnimmt oder nicht.

    Es kommt also letztlich auf die eigene Haltung an. Wenn man sich unbedingt einreden möchte, dass das ein Zwang ist, für den keinerlei Zweck erkennbar ist (Tradition um der Tradition Willen) dann mag man es ablehnen. Ich persönlich bin aber dafür auch weiterhin vor Gericht eine relativ uniforme Kleiderordnung zu pflegen.

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  • 31.07.2014 16:14, Robenbaby

    PS: schon seit frühester Urzeit wechseln Menschen durch Überstreifen bzw. Ablegen von bestimmter Kleidung oder auch Körperbemalung usw. quasi "rituell" von einer Tätigkeit in eine andere, von friedfertiger Privatheit zu Kampfesbereitschaft, usw.
    So sind wir als Mensch eben gestrickt und da haben zigtausende Jahre Evolution und Stammesgeschichte eine tiefere Bedeutung als alle modernen kognitiven Konzepte. Ob man das wahrhaben will oder nicht.

    Am Ende des Tages, wenn die mündlichen Verhandlungen vorbei sind, und die Juristen die Robe ablegen, dann legen sie gleichsam ihre Funktion ab, lassen auch die teils schwierigen Gedanken des Tages im Schrank, wo sie die Robe hinhängen und vollziehen damit ein regelrechtes Ritual für den Übergang ins Private ("abschalten"). Ist das denn nicht nachvollziehbar?

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  • 31.07.2014 16:38, juristin

    Die Robe ist ein Ausdruck von Würde und darf daher nicht abgeschafft werden. Pinke High Heels und dämliche Modeshow hat im Gerichtssaal nichts zu suchen. Durch die Robe verschafft man sich Seriosität - und die Frau steht auf Augenhöhe mit ihren Kollegen ohne auf ihr Geschlecht reduziert zu werden. Je bedeckter der Jurist vor Gericht auftritt desto seriöser.

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    • 06.08.2014 10:30, RA

      Richtig!

      Warum kann man erprobte Dinge nicht einfach so lassen wie sie schon immer sind?

      Es muss nicht immer wieder alles neu, alles anders erfunden werden, nur damit sich der Erfinder besonders wichtig tun kann. Es gibt auf dieser Welt genug Probleme, wie Kriege oder den Hunger in der dritten Welt. Das wäre jede Kraft besser investiert, als in diesen Modefirlefanz !!!

    • 06.08.2014 11:57, John Doe

      @RA:

      Ach, wie nett. Da ist es wieder, das "Haben wir keine anderen Probleme"-Argument. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass sich diejenigen, die sich gegen die Robenpflicht gewandt haben, nun umdenken und die freigewordene Energie in die Welthungerhilfe investieren?
      Mit diesem platten Argument lässt sich bis auf Krieg&Hunger jede Problemdiskussion im Kein ersticken.

  • 06.08.2014 17:32, RA

    Lieber Platzhalter,

    aber was gibts denn wirklich wichtigeres auf dieser Welt als Sterben und Hunger zu verhindern???

    Ach, ja: Die Robenpflicht im dt. Gerichtsaal oder tropfende Decken im Landgericht Stuttgart.

    Schönen Gruss an Priscilla . . .

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    • 06.08.2014 18:20, John Doe

      Warum vergeuden Sie denn Ihre Zeit hier, anstatt diese in den Kampf gegen Hunger und Sterben zu investieren?

  • 06.08.2014 21:00, RA

    Sie finden das offenbar ganz lustig?
    Sie sollten sich schämen!!!
    Platzhalter (für mehrs offenbar nicht gereicht)

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    • 06.08.2014 22:26, John Doe

      Natürlich ist der Welthunger auch für mich ein wichtigeres Thema als "Juristenmode". Aber soll man deswegen über nichts mehr diskutieren dürfen, bis das Welthunger-Problem gelöst ist?
      Daher war meine Frage an Sie durchaus ernst gemeint. Wenn Sie eine Diskussion über "Juristenmode" ablehnen mit dem Hinweis, es gebe ja wichtigere Themen, dann erklären Sie mir doch bitte, warum Sie selbst sich hier nachhaltig beteiligen, anstatt sich den wichtigeren Themen zuzuwenden.

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