Neuer Bundesverband Arbeitsrechtler in Unternehmen: "Das Ende der One-Man-Show"

Interview mit Michael Hengesbach

30.04.2013

Am Montagabend gründete sich in Heidelberg der erste Bundesverband von Arbeitsrechtlern in Unternehmen. Im LTO-Interview erklärt Mitinitiator und Vorstandsmitglied Michael Hengesbach, warum es ihm und seinen Kollegen bisher am Austausch mit Gleichgesinnten gefehlt hat, wie sie ohne Politik Arbeitsrecht für die Praxis machen und was sie vom Gesetzgeber fordern wollen.

 

LTO: Mit wie vielen Mitgliedern hat Ihr neuer Verband denn am Montagabend gestartet?

Hengesbach: Wir waren 20. Eingeladen hatten wir um die 30 Gäste aus ganz unterschiedlichen Branchen und Teilen von Deutschland. Außerdem hatten wir aus unserem persönlichen Netzwerk ca. 50 Personen auf die Gründung angesprochen und haben in fast allen Fällen ein ziemlich großes Echo erhalten.  Unser Ziel ist es, in einem Jahr rund 400 Mitglieder zu haben.

LTO: Ist das ein realistisches Ziel? Zum Vergleich: Der Bundesverband der Unternehmensjuristen (BUJ), der Unternehmensjuristen aus allen Rechtsbereichen umfasst, hat im ersten Jahr nach eigenen Angaben um die 750 Mitglieder gewonnen.

Hengesbach: Wir halten das wegen des guten Feedbacks, das wir bekommen haben, für ein realistisches Ziel. Bisher haben wir Initiatoren nur unsere eigenen Netzwerke abgearbeitet und da war der Bedarf nach einem solchen Verband sehr groß.

"Bislang eine wichtige Expertengruppe, aber ohne Plattform"

LTO: Wie kommt das?

Michael HengesbachHengesbach: Bislang haben Arbeitsrechtler in Unternehmen keine eigene Interessenvertretung. Das ist immer eher eine One-Man- oder One-Woman-Show. Gleichzeitig sind wir aber eine wichtige Expertengruppe. Großunternehmen, die sich restrukturieren müssen, kommen ohne arbeitsrechtliche Kenntnisse gar nicht mehr aus.

Und wenn das Bundesarbeitsgericht oder der Europäische Gerichtshof mal wieder miteinander im Clinch liegen, dann wird die Umsetzung des Arbeitsrechts für uns immer komplexer und undurchschaubarer. Deshalb haben wir uns gedacht, es braucht eine Plattform, die das bestehende Arbeitsrecht mal ohne politische Scheuklappen auf seine Umsetzbarkeit im Betrieb hin überprüft. Auf dieser Basis wollen wir dann gemeinsam mit den sozialpolitischen Verbänden ein praktikables Arbeitsrecht gegenüber Politik und Gesetzgebung einfordern.

Außerdem war es uns wichtig, eine Plattform zu schaffen, innerhalb derer wir unsere Erfahrungen austauschen, unser Wissen teilen und gemeinsam nach Lösungen suchen können.

LTO: Hat ein solcher Austausch denn bisher gar nicht stattgefunden?

Hengesbach: Doch, schon. Aber eher in persönlichen Netzwerken, etwas lose, nie innerhalb einer gebündelten Interessenvertretung.

"Wir fordern ein praxistaugliches Arbeitsrecht"

LTO: Was wollen Sie konkret für ihre Mitglieder leisten? Welche Forderungen wollen Sie durchsetzen?

Hengesbach: Wir wollen ein praxistaugliches Arbeitsrecht gegenüber Politik und Gesetzgebung einfordern, der arbeitsrechtlichen Praxis eine Stimme verleihen.

Nehmen wir als Beispiel mal die Diskussion um das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz. Die sozialpolitischen Verbände diskutieren ja gerade, ob Änderungen notwendig sind, um bestimmte Entwicklungen einzudämmen. Bei der Frage nach dem "ob" wollen wir als Verband nicht mitdiskutieren. Das soll Sache der zuständigen Sozialpartner bleiben, die vom Gesetzgeber auch an den richtigen Stellen eingebunden werden. Wenn dann allerdings eine Entscheidung gefallen ist, wollen wir das Sprachrohr der Unternehmenspraxis sein und auch inhaltliche Forderungen formulieren. Dabei soll es vor allem darum gehen, wie man eine Neuregelung so gestalten kann, dass wir in der Praxis damit auch arbeiten können.

LTO: Warum ist so ein Verband, der speziell auf Arbeitsrechtler zugeschnitten ist, neben dem allgemeinen BUJ nötig?

Hengesbach: Der BUJ ist unabhängig vom Tätigkeitsbereich und hat eine ausschließlich standesrechtliche Zielrichtung. Das ist erst einmal zu begrüßen. Eine Vertretung speziell arbeitsrechtlicher Interessen war darüber aber nicht möglich.

"Uns fehlten Gleichgesinnte für einen Austausch"

LTO: Hatten Sie ein Vorbild? Haben sich vor Ihnen bereits Unternehmensjuristen aus anderen Rechtsbereichen zusammengeschlossen?

Hengesbach: Nein. Da sind wir die Vorreiter.

LTO: Gab es einen bestimmten Auslöser für Ihre Gründung?

Hengesbach: Wir aus dem Kreis der Initiatoren haben im Grunde alle die gleiche Erfahrung gemacht. Wir sitzen alle in Großunternehmen, befassen uns mit Arbeitsrecht und jedem fehlt ein Netzwerk, Gleichgesinnte, mit denen man sich austauschen kann.

Außerdem ist es sehr schwierig geworden, juristischen Nachwuchs zu finden. Bislang hat sich niemand um die Reputation des Arbeitsrechts in Unternehmen gekümmert.

LTO: Wie wollen Sie das ändern?

Hengesbach: In dem wir den juristischen Nachwuchs fördern. Das liegt uns sehr am Herzen und wir haben auch schon die entsprechenden Kontakte zu den Universitäten. Jetzt müssen wir uns noch ein gutes Konzept überlegen.

LTO: Herr Hengesbach, vielen Dank für das Gespräch.

Michael Hengesbach ist Director Human Resources bei der TUIfly GmbH und am Montagabend in den Vorstand des BVAU gewählt worden.

Das Interview führte Claudia Kornmeier.

Zitiervorschlag

Michael Hengesbach, Neuer Bundesverband Arbeitsrechtler in Unternehmen: "Das Ende der One-Man-Show". In: Legal Tribune Online, 30.04.2013, http://www.lto.de/persistent/a_id/8636/ (abgerufen am: 30.06.2016)

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Kommentare
  • 01.05.2013 00:07, personalprofi

    Recht hat er! Das Arbeitsrecht kommt im ganzen Personalspektrum viel zu kurz und steht immer am Ende eines Konfliktes. Die Personalbereiche tun gut daan, arbeitsrechtliche Aspekte gleich am Anfang z berücksichtigen, das ist dieser neue Verband wohltuend!

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