Mitgliederzahlen der BRAK: "Lage auf dem Anwaltsmarkt entspannt sich nicht"

Interview mit Martin W. Huff

20.03.2013

Die Zahl der in Deutschland tätigen Rechtsanwälte steigt weiter, wenn auch weniger stark als im Vorjahr. Im LTO-Interview erklärt Martin W. Huff, was die jetzt von der BRAK veröffentlichten Zahlen für die deutsche Anwaltschaft bedeuten, wie viel junge Juristen verdienen und in welchen Regionen sich kein Anwalt mehr Mandate erhofft.

 

LTO: Wie  bewerten Sie die aktuellen Zahlen der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) zur deutschen Anwaltschaft?

Huff: Der Anstieg der in Deutschland zugelassenen Rechtsanwälte um immerhin noch 1,58 Prozent auf jetzt 160.894 zeigt eines: 2012 wurden in Deutschland geschätzt wieder rund 5.000 neue Anwälte zugelassen. Denn der Zuwachs um rund 2.500 Anwälte ist ja nur der Nettozuwachs, dabei ist also schon berücksichtigt, dass Rechtsanwälte ihre Zulassung zurückgeben, versterben oder ihnen die Zulassung entzogen wird. Die Lage auf dem Anwaltsmarkt entspannt sich also überhaupt nicht.

LTO: Gibt es regionale Unterschiede?

Huff: Ja. In Mecklenburg-Vorpommern und in Zweibrücken gab es einen Nettorückgang der Anwälte. Zum zweiten Mal in der Geschichte waren dort 2012 weniger Anwälte als 2011 zugelassen. In diesen Bezirken sehen die Anwälte wohl keine Chance mehr, erfolgreich zu arbeiten und Mandate zu erhalten. Dies liegt sicherlich auch daran, dass Mandanten immer mehr nach einem Spezialisten für ihre Rechtsfragen suchen und auch bereit sind, einen Anwalt in der nächst größeren Stadt oder in ganz Deutschland zu beauftragen.

Für viele Mandate ist es heute außerdem nicht mehr unbedingt erforderlich, mit dem Anwalt persönlich zu sprechen. Nehmen Sie hier als Beispiel die Beratung im Bankrecht oder auch bei Käufen im Internet. Dieser Trend wird dadurch bestätigt, dass nicht nur in den zwei genannten Bezirken die Zahl der Anwälte zurückgegangen ist, sondern in einigen anderen Kammerbezirken nahezu unverändert viele Anwälte zugelassen sind, etwa in Bamberg, Brandenburg, Koblenz und Thüringen. Ein deutliches Wachstum gibt es dagegen in den Ballungsbieten, so in Berlin, München, Stuttgart, Köln, Düsseldorf und auch in Nürnberg.  

"In Großstädten ist es einfacher sich zu spezialisieren"

LTO: Warum sind die Ballungszentren für Anwälte so attraktiv?

Martin W. HuffHuff: Am wenigsten dürfte dabei eine Rolle spielen, dass die großen Kanzleien in den Großstädten meistens ihren Sitz haben. Denn entgegen dem Eindruck in der Öffentlichkeit dürften dort nur höchstens zehn Prozent der neuen Anwälte tätig sein. Bei der Überlegung, wo man als Anwalt tätig sein will, spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle: So bleiben viele Anwälte an ihren Studienorten, weil sie sich dort einen Markt erhoffen. Zudem gibt es in den Ballungsgebieten immer mehr die Möglichkeit auch langsam als Anwalt, etwa als freier Mitarbeiter in einer Kanzlei, zu starten. Denn die klassische sofortige feste Anstellung ist nicht mehr die Regel, befristete Verträge werden häufiger und ebenso der Einstieg als freier Mitarbeiter. Und auch die Möglichkeit, die jetzt berufsrechtlich unbedenklich ist, in mehreren Kanzleien tätig zu sein, begünstigt die Entwicklung.

Zudem ist es in den Ballungsgebieten durchaus einfacher, sich zu spezialisieren, weil die Aus- und Fortbildungsangebote größer sind. Zu beachten ist zudem, dass die Zahl der Syndikus- bzw. Unternehmensanwälte ansteigt. Im Bezirk der Kammer Köln sind dies in den vergangenen beiden Jahren bei den neu zugelassenen und zur Kammer gewechselten Anwälten immerhin rund 25 Prozent gewesen. Und diese Stellen finden sich tendenziell eher in den Ballungsgebieten.

LTO: Welche Besonderheiten können Sie noch beobachten?

Huff: Auf dem Land haben wir oft Probleme mit der Nachfolge. Häufig wird gar nicht mehr nach jemandem gesucht, der die Kanzlei übernehmen könnte, auch wenn dies sinnvoll wäre. Denn die Mandanten sind oft nicht mehr "ihrer" Kanzlei so treu, wie dies in der Vergangenheit der Fall war. Sie beauftragen einen Anwalt lediglich für eine bestimmte Frage.

Selbstverständlich spielt aber auch die Persönlichkeit des Anwalts eine große Rolle. Dadurch wird das Sich-Einkaufen in eine Kanzlei – im Gegensatz zu vielen Erwartungen der Kanzleiinhaber – unattraktiv. Daher geht die Tendenz gerade bei kleinen Kanzleien eher dazu, dass Anwälte sich selber etwas aufbauen.

"Unter 2.500 Euro brutto im Monat ist sittenwidrig"

LTO: Wie sieht die Entwicklung bei den Fachanwälten aus?

Huff: Auch da steigen die Zahlen wohl weiter, wenn auch noch keine aktuellen Statistiken vorliegen. Auffällig war allerdings in den vergangenen Jahren, dass eigentlich nur noch die großen Fachanwaltschaften deutlich gewachsen sind, etwa im Arbeits- und Familienrecht. Die Ursache dafür sehe ich darin, dass gerade in den breiten, für die Bevölkerung wichtigen Rechtsgebieten, Mandate ohne einen Fachanwalt kaum mehr zu erhalten sind. In kleinen, speziellen Rechtsgebieten ist die Fachanwaltsbezeichnung dagegen zur Akquise von Mandaten nicht so entscheidend, Empfehlungen sind in diesen Bereichen wichtiger.

LTO: Wie viel verdienen junge Anwälte heute?

Huff: Da gibt es weiterhin ein riesiges Gefälle. Während Großkanzleien und spezialisierte Boutiquen sehr gut bezahlen, oft zwischen 80.000 und 100.000 Euro im Jahr, sehen wir in den Kammern auch Verträge für freie Mitarbeiter und Angestellte zwischen 25.000 und 30.000 Euro brutto im Jahr. Dies ist eigentlich nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes ein sittenwidrig niedriges Gehalt. Danach darf ein Anwalt einen Kollegen eigentlich nicht unter 2.500 Euro brutto im Monat beschäftigen. Aber: Wo kein Kläger, da kein Richter. Viele Gehälter bewegen sich bei aber bei guten Juristen als Einstieg zwischen 40.000 und 45.000 Euro im Jahr.

LTO: Herr Huff, vielen Dank für das Interview.

Martin W. Huff ist Rechtsanwalt und Journalist in Leverkusen.

Die Fragen stellte Pia Lorenz.

Zitiervorschlag

Martin W. Huff, Mitgliederzahlen der BRAK: "Lage auf dem Anwaltsmarkt entspannt sich nicht". In: Legal Tribune Online, 20.03.2013, http://www.lto.de/persistent/a_id/8361/ (abgerufen am: 23.02.2017)

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