Vom Associate zur Schlittenhundeführerin: "Mir fehlten Tiefe, Sinnhaftigkeit und Bindung"

Interview von Constantin Baron van Lijnden

16.12.2014

Den Job in der Großkanzlei hinschmeißen, nach Marokko ziehen und Surflehrer werden? Solche romantischen Ideen geistern vielen Anwälten im Kopf herum – meist bleiben sie dort. Anders bei Yvonne Hofschneider: Nach dreieinhalb Jahren als Associate hat sie gekündigt, um mit Schlittenhunden zu arbeiten. Nun lebt sie im ländlichen Lappland – und kriegt oft mehr Huskys als Menschen zu Gesicht.

 

LTO: Guten Tag, Frau Hofschneider. Kalt bei Ihnen?

Hofschneider: Momentan nicht besonders, wir haben um die null Grad. Die Temperaturen schwanken aber stark, minus 15 stehen auf der Tagesordnung, aber auch minus 30 sind keine Seltenheit.

LTO: Das macht Ihnen nichts aus?

Hofschneider: Nein, ich war immer mehr der nordische Typ, wollte schon als Kind lieber nach Skandinavien als ans Mittelmeer. Dass ich einmal im nördlichen Finnland leben würde, war mir so früh allerdings nicht klar.

LTO: Wann ist es Ihnen denn klar geworden?

Hofschneider: Das hat sich Stück für Stück entwickelt. Den Wunsch, mit Tieren zu arbeiten, hatte ich schon seit langem. Ich bin auch in einer ländlichen Gegend groß geworden und hatte in Jugendjahren immer einen Hund. Zum Studium bin ich nach Berlin und später für die Arbeit nach München gezogen, da war das nicht mehr möglich. In den letzten drei Jahren habe ich dann angefangen, meine Urlaube auf der Husky-Farm zu verbringen, auf der ich nun auch arbeite. Die Rückreise fiel mir dann jedes Mal ein bisschen schwerer.

LTO: Klar, wenn einen zu Hause ein Schreibtisch voller Akten und eine 60-Stunden-Woche erwarten…

Hofschneider: Das war gar nicht der Punkt, ich war mit meinem Job als Anwältin bei Noerr eigentlich sehr zufrieden. Klar: Es gab Momente, in denen man abgespannt und entnervt war, dann hat sich das Fernweh besonders lautstark gemeldet. Entscheidend war für mich aber nie der Wunsch, mit meinem alten Job aufzuhören – sondern der, mit meinem neuen anzufangen.

"Die Arbeit hier ist auf ihre eigene Art geistig fordernd"

LTO: Der könnte gegensätzlicher kaum sein, oder?

Hofschneider: Naja, wir machen hier mit den Hunden teilweise zwei Trainingseinheiten zu jeweils fünf bis sechs Stunden – ich habe also immer noch lange Arbeitstage. Da hören die Gemeinsamkeiten aber auch auf. In München habe ich hauptsächlich am Schreibtisch gesessen, hier leiste ich körperlich anstrengende Arbeit. Auch die Lebensbedingungen sind ganz anders: München hat 1,4 Millionen Einwohner, das Husky-Camp, in dem ich arbeite und zeitweise lebe hat 20. Mit dem Auto kann man zum Einkaufen in den nächsten Ort fahren, aber Highlife sollte man da auch nicht gerade erwarten.

LTO: Fehlt Ihnen das nicht?

Hofschneider: Der Trubel? Kaum, da komme ich ziemlich gut ohne aus. Die intellektuelle Herausforderung? Bisher auch nicht, aber ich bin ja erst seit zweieinhalb Monaten hier. Zugegeben: In der Zeitung lese ich schon gerne noch über das eine oder andere Verfahren. Und ich diskutiere mit meinem Chef über alle möglichen RechtsfrageYvonne Hofschneidern. Der ist Österreicher – und ebenfalls Jurist, was allerdings ein Zufall ist.

Davon abgesehen ist die Arbeit mit den Hunden aber auf ihre eigene Art geistig anspruchsvoll: Man muss eine gute Beobachtungsgabe haben und ständig wach sein, um zu erspüren, ob es zum Beispiel Rivalitäten im Rudel gibt und manche Hunde besser von anderen getrennt werden sollten. Unsere Huskys sind zwar keine wilden Tiere, aber sie sind natürlich auch nicht mit dem Familienhund zu vergleichen, der zu Hause vor dem Sofa liegt.

LTO: Bisher haben Sie also noch keine Zweifel an der eigenen Entscheidung?

Hofschneider: Nein, überhaupt nicht. Die Arbeit mit den Hunden macht mir sehr viel Spaß. Und wenn ich Sehnsucht nach Jura bekommen sollte, hält mich doch nichts davon ab, neue Entscheidungen zu treffen.

Zitiervorschlag

Constantin Baron van Lijnden, Vom Associate zur Schlittenhundeführerin: "Mir fehlten Tiefe, Sinnhaftigkeit und Bindung". In: Legal Tribune Online, 16.12.2014, http://www.lto.de/persistent/a_id/14129/ (abgerufen am: 25.02.2017)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 16.12.2014 18:34, Max

    Ich habe großen Respekt vor Frau Hofschneider, allerdings melde ich meine Zweifel an, ob Sie den Job noch in einem Jahr macht oder nicht doch wieder einer Großkanzlei Kitsche sitzt ....

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    • 20.12.2014 21:59, Freilandhamster

      Nicht jeder ist zum Karieereristen geboren.
      Nicht jeder Mensch empfindet es als das das Erfüllenstes in Hierarchien, Bürpkratien, Unternehmen oder anderen Apparaten, tagein tagausaus ganztägig an seiner Kariere zu arbeiten.
      Sein Leben weniger femdbestimmt zu führen, und mehr Freizeit und Freiheit zu haben, kann emanzipatorischer sein, und zufriedener machen.
      Insbesondere, wenn das Berufsleben der eigenen Individualität und dem eigenen Privatleben ein Korsett überspannt, und einem defacto die persönlich Freiheit nimmt.
      Daß andere Berufträger es für verrückt halten, wenn ein Kollege den Hamsterkäfig verlässt, zeigt doch, wie gefangen und wie befangen und wie indoktriniert und wie gehirngewaschen diese Kollegen sind.
      Früher hatte man als Rechtsanwalt noch wesentlich mehr Freizeit und Freiheit, aber in den letzten etwa gut 30-Jahren glichen sich die Jobs in großen Rechtsanwaltskanzleien doch immer mehr den Jobs und der Karriere- und Arbeitsweltkultur in internationialen Großkonzeren an.
      Da unterscheidet sich das eigene Leben dann heute kaum noch von dem eines total auf das Firmeninteresse programmierten und fixierten ängstlichen und zugleich gierigen wie seelenlosen angestellten leitenden Mitarbeiters (bzw. sogenannten Managers).

  • 16.12.2014 19:21, zweifler

    "Stört es Sie nicht, weit hinter Ihren Verdienstmöglichkeiten zurück zu bleiben? "
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr aktueller Verdienst weit höher ist als zuvor. Geld ist nicht alles. Über das Hinaus was man zum Leben braucht ist es sogar die unwichtigste Sache der Welt. Viele begreifen das erst wenn es zu spät ist...

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  • 21.12.2014 22:25, ratio

    Vielleicht auch nur ein weiterer Trick den Lebenslauf aufzupeppen um daraus später bei der Einstellung einen Vorteil zu ziehen.

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  • 23.12.2014 17:22, Evelyn

    Liebe Yvonne, schon wieder zweieinhalb Monate ist das her? Die Zeit vergeht echt schnell! Ganz liebe Grüße in den Norden - ich wünsche Dir, dass es für Dich weiter so toll passt wie ich es aus diesen Zeilen herauslese. Und frohe Weihnachten - an Schnee dürfte es ja nicht fehlen :) Deine Ex-Kollegin

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