Veränderungen des Anwaltsberufs: "Heute herrscht Stille in den Fluren"

aufgezeichnet von Désirée Balthasar

23.03.2016

Ein Berufseinsteiger, der in den Achtzigern in einer Kanzlei anfing, musste ganz andere Fähigkeiten mitbringen als heutzutage. Zwei erfahrene Anwälte erzählen, was sich im Lauf ihres Berufslebens verändert hat – und was immer gleich bleibt.

 

Uwe Hornung (55), Clifford Chance:

Während meiner Anfänge in der Kanzlei Ende der Achtziger nutzten wir für die Mandantenkommunikation vor allem Telefaxe. Diese ‘Telexe‘ starben eigentlich bereits aus, kamen aber noch ab und zu vor und sorgten dann für Stress, weil das Knowhow langsam verloren ging. Sie wurden auf Papierrollen ausgedruckt, die wir als "Butterbrotpapier" bezeichneten. Die Druckerschwärze darauf verblasste innerhalb weniger Monate, was wir aber erst später merkten und was dazu führte, dass dann die frischen Telefaxe gleich noch einmal abkopiert wurden. Es galt die Regel: Auf ein Telefax antwortet man spätestens am nächsten Tag, sonst wurden die Absender nervös.

Die Umschlaggeschwindigkeit, mit der heute gearbeitet wird, ist gegenüber der "Telefax-Ära" enorm gestiegen. Der Arbeitsalltag und die Reaktionszeiten auf Anfragen haben sich extrem beschleunigt. Das spiegelt sich auch im Schreibstil wieder. Wurden Emails in ihren Anfangszeiten noch ausführlich und in ganzen Sätzen formuliert, antwortet man heute mit kurzen, schnellen Aussagen. Tippfehler, Schludrigkeiten, fehlende Umlaute - das stört heute im Geschäftsleben bei E-Mails oder SMS kaum jemanden mehr. Richtigkeit des Inhalts und Schnelligkeit geht vor Form, eigentlich also eine (Rück-)Besinnung auf das Wesentliche.

Dafür sind die Anforderungen an die Optik von Textdokumenten gestiegen. Wo früher schon mal eine Tipp-Ex-Spur einen Schreibfehler zugekleistert hat, hat das Dokument von heute fehlerfrei zu sein. Im perfekten Layout, versteht sich. Und bestimmte Kulturerrungenschaften des deutschen Schreibwesens sind verloren gegangen. Es schriebt niemand mehr   g e s p e r r t , um auf etwas   n a c h d r ü c k l i c h   hinzuweisen, dafür kommt ;-) häufiger vor.

"Das Statussymbol von heute ist die Anzahl der Bildschirme auf dem Schreibtisch"

Zu meinen Anfangszeiten hatten wir in der Kanzlei eine schöne, große und vor allem teure Bibliothek. Es war damals auch eine Art Statussymbol. Sie war sehr gut besucht. Wenn ein Buch gefehlt hat, gab es eine Rundmail an die Kollegen, wer es denn ausgeliehen hätte. Diese Emails gibt es heute kaum noch. Durch die Internet-Recherche ist in der Bibliothek heute viel mehr Platz und sucht man ein Buch, findet man es sofort. Abgegriffen ist es nie. Dafür fehlen die Eselsohren und Post-Its oder gar mal ein Bleistifteintrag.

Es ist dadurch in der Kanzlei insgesamt viel ruhiger geworden. Früher liefen Kollegen oft zwischen Bibliothek und Büro hin und her, heute ist auf den Gängen nicht mehr viel Betrieb. Auch weil der persönliche Austausch mit dem Kollegen im Nachbarsbüro weitgehend durch Emails abgelöst wurde. Und kaum jemand benutzt noch Diktiergeräte. Wo damals aus den einzelnen Büros Selbstgespräche heraus klangen, herrscht heute Stille in den Fluren.

Oft hört man ja Klagen, dass die jüngeren Anwälte nicht mehr so viel arbeiten würden. Das sehe ich nicht so. Sie arbeiten anders. Eben von zuhause und von unterwegs und meist schneller als früher. In den Neunzigern gehörte es noch zum guten Ton, dass die halbe Kollegschaft am Samstag im Büro saß. Heute sind die Stockwerke am Wochenende verwaist. Viele Kollegen kommen nur noch in das Büro, wenn sie müssen. Das Statussymbol von heute ist übrigens die Anzahl der Bildschirme auf dem Schreibtisch.

Nachwuchs beherrscht und erwartet moderne IT-Lösungen

Den jüngeren Anwälten brauchen wir nicht mehr zu erklären, wie man richtig recherchiert oder sich in eine neue Software einarbeitet. Obwohl manche von ihnen glauben, drei einschlägige Zitate würden für ein Gutachten nicht ausreichen. Sie packen dann lieber noch sieben weitere Argumente hinein. Die schnelle Verfügbarkeit großer Informationsmengen erhöht die Qualität also notwendigerweise nicht immer.

Auch die Behauptung, dass die Jüngeren nicht mehr gut ausgebildet würden, teile ich nicht. Die Menschen lernen heute anders und können Anderes. Die Welt ist komplexer als in den Siebzigern, als ich Abitur gemacht habe. Die Fähigkeiten zur Datenverarbeitung sind besser. Man nimmt schnell Wissen auf und löscht es bei Nichtbedarf ebenso schnell wieder von der eigenen Festplatte im Kopf.
Anders herum hat der Nachwuchs eine höhere Erwartung an die Kanzlei. Die Technik muss auf dem neuesten Stand sein. Ist das einmal nicht der Fall, hören wir umgehend den Vorwurf, warum wir derart altmodische und zeitraubende Dinge oder Prozesse nutzen.

Uwe Hornung (55) ist Partner im Bereich Litigation bei Clifford Chance in Frankfurt. 1994 wurde er zum Partner ernannt. Nach dem Staatsexamen Ende der Achtziger stieg er bei der damaligen Kanzlei Pünder Volhard & Weber ein, die 2000 mit Clifford Chance fusionierte.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Veränderungen des Anwaltsberufs: "Heute herrscht Stille in den Fluren". In: Legal Tribune Online, 23.03.2016, http://www.lto.de/persistent/a_id/18883/ (abgerufen am: 10.12.2016)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 23.03.2016 16:50, Utopia

    Stille auf den Fluren. Ein schöner Traum. Wenn doch die Anwälte auch bei Gericht mal sachlich und ruhig aufträten, statt zu oft fehlende Kompetenz durch Lautstärke und Unsachlichkeit wettzumachen zu versuchen...

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    • 23.03.2016 20:26, BGBExperte

      Erläutern Sie doch bitte kurz, was in Ihrem Beitrag die kompetente Sachlichkeit ausmacht.

  • 23.03.2016 21:00, Utopia

    Verbringen Sie mal einen Tag am AG München und Sie werden mir uneingeschränkt zustimmen...
    ...Kompetenz hin oder her (die hat nicht jeder für jeden Bereich - ich auch nicht) aber den leider weit verbreiteten anwaltlichen 'Brüllfroschreflex' sollte man dringend wegzüchten...

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    • 23.03.2016 23:16, Reibert

      Selbstverschuldetes Leid. Die Verhandlungsleitung obliegt dem Richter. Die entsprechenden Machtmittel sind ihm hierzu, während der Sitzung, in die Hand gegeben.

  • 24.03.2016 15:04, Utopia

    @Reibert: Unter dem (kreativen) Einsatz dieser Mittel (mein Lieblingsspaß: Verhandlungsunterbrechung um 10 Uhr bis 16 Uhr bei auswärtigen Anwälten) leidet am Ende des Tages doch nur der Mandant...

    (Den natürlich das Auswahlverschulden trifft, wenn er zur Kanzlei 'Groß, Maul und Partner' geht... Aber man geht zu seinen Gunsten ja jedenfalls beim ersten mal davon aus, dass er es nicht besser wusste...)

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  • 24.03.2016 19:16, Was denn nun anstatt der Bücher?

    Nicht umsonst ist Herr Beck einer der 100 Reichsten in der BRD! Das Buch ist sehr wohl nach wie vor in 80% aller Kanzleien genauso wie das Faxgerät das Maß aller Dinge. Was auch sonst? Leider hat sich das E-Book bei den "Raben§" noch nicht so richtig etabliert, genauso wenig wie Nutzung von Mail - letzteres mag aber auch an den hinterwäldlerischen Gerichten liegen. Es wird immer noch brav mit Papier gearbeitet wie zu Gutenbergs Zeiten - kein Fortschritt. Die E-Mail ist ja gar nicht so unsicher wie immer behauptet wird. Außer Geheimdiensten hört niemand den Mailverkehr ab, denn die schiere Menge ist der beste Schutz!
    Also mich würde schon mal interessieren, was in diesen Großkanzleien anstatt Buch getan wird. Es gibt ja nicht all zu viele Fachbücher in den Online Modulen bei Beck, Haufe, Elzevir und wie sie alle heißen.

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    • 25.03.2016 14:38, eJustice

      Der Gesetzgeber hat eJustice (eRV und eAkte) für spätestens 2020 (jedenfalls im Bereich Zivilrecht) bundesweit vorgeschrieben (mit Opt-In für frühere Zeitpunkte). Die Gerichte setzen diese Vorgabe um. Wo ist das jetzt hinterwäldlerisch?

      Auf der Gegenseite wehrt sich die Anwaltschaft mit Klagen gegen das ePostfach. Ja was nun? Hü oder Hott?

  • 29.03.2016 10:30, Man kann sich nur an den Kopf fassen

    Wenn die Kollegen von Clifford Chance heute nicht mehr in die Bücher gucken und vermeintlich Unwichtiges "mal eben von der Festplatte in den Köpfen löschen", muss man sich wohl ernsthaft Sorgen um die Beratungsqualität machen. Ich wüßte auch gerne vorab, welches Wissen für kommende Beratungsmandate nicht mehr von Bedeutung ist - aber wer will das zuverlässig vorhersehen? Derart sorglos kann man wohl nur als Transaktionsanwalt daher plappern, dessen Wissen und Können nur allzu selten zur Überprüfung durch ein Gericht gestellt wird ...

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    • 04.04.2016 13:23, Peter

      Nur dass der Herr Litigation und keine Transaktionen macht ;)
      Solch verbitterte Aussagen können nur von einem kommen, der über das befriedigend nicht hinausgekommen ist und evident neidvoll zu den Großen hinaufblickt.
      Zur Sache: 50-70% der relevanten Literatur (gängige Kommentare, Handbücher, Zeitschriften und such Rspr) findet sich in den großen Abos von Beck und Juris. Dass ich tatsächlich mal in die Kanzlei Bücherei oder mir was aus anderen Büros scannen lassen muss, weil es etwas nur in Papierform gibt, ist unglaublich selten und lästig. Darüber hinaus ist die sinnvolle Nutzung der Suchfunktion ein enormer Gewinn bei jeder Recherche. Wie viele Aufsätze in eher klein aufgelegten Zeitschriften man sonst übersehen hätte, die wie die Faust aufs Auge passen, die Recherche in der Folge verkürzt haben und damit den Mandanten logischerweise weniger Geld kosten...

    • 28.06.2016 15:44, Heiner Wurst

      Ich suche eine Festanstelllung als Rechtsanwalt oder wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Großkanzlei (>100 Berufsträger) im Raum München und Umgebung. Das Gehalt sollte im hohen sechstelligen Bereich liegen + Bonus. Was ich mitbringe? Zwei mal 6,7 Punkte und einen LLM der University of Queensland (Schwerpunkt: Internationales Surf-Recht). Mit herzlichen kollegialen Grüßen, H.D. Wurst

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