Wikipedia für Juristen: Die Affäre für jeder­mann

von Prof. Dr. Roland Schimmel

06.03.2017

Jeder Jurist nutzt sie, aber keiner zitiert sie, meint Roland Schimmel mit Blick auf die Wikipedia. Warum das Online-Lexikon aus den falschen Gründen verpönt ist, man es manchmal doch zitieren kann und es eine eigene Juristen-Tagung hat.

 

Juristen haben es nicht so mit der Wikipedia. Das klingt nach einer steilen These angesichts der Erfahrungstatsache, dass es kaum einen juristischen Kollegen gleich welchen Berufes gibt, der nicht mehrmals täglich die Wikipedia nutzt. Und doch: Juristen fremdeln mit dem Wissensportal aus dem Internet.

Nicht in jeder Hinsicht allerdings: Die Rechtsprechung mag das Lexikon offenbar. Aktuell finden sich bei juris rund 3.000 Urteilsfundstellen mit entsprechenden Bezugnahmen auf das Online-Lexikon. Dabei handelt es sich nicht nur um Entscheidungen der unteren Instanzen, wie man vielleicht erwarten würde. So ist das Bundespatentgericht unter den obersten Gerichten mit über 800 Nennungen in Entscheidungen Spitzenreiter, der Bundesgerichtshof kommt in Straf- und Zivilsachen zusammengenommen nicht auf zehn, das Bundesarbeitsgericht und das Bundesverfassungsgericht zeigen bislang noch vollständige Zurückhaltung.

Bemerkenswerterweise thematisiert kaum eine Handvoll unter diesen Urteilen die Frage, ob und wann die Auswertung der Wikipedia seitens eines Gerichts denn zulässig sein könnte. Das wird auch in der juristischen Kommentarliteratur bisher eher am Rand thematisiert, obwohl ein gesetzlicher Anknüpfungspunkt recht gut zu identifizieren ist: In § 291 der Zivilprozessordnung und § 244 III 2 der Strafprozessordnung ist geregelt, dass offenkundige Tatsachen nicht beweisbedürftig sind.

Man kann also fragen, ob eine Tatsache, die der Wikipedia zu entnehmen ist, als allgemeinkundig angesehen werden kann. Ein aufwendiger Sachverständigenbeweis wird dann entbehrlich. Allgemein zugänglich ist die Wikipedia ohne weiteres, ob sie aber zuverlässig ist, lässt sich in Zweifel ziehen. Auch die Frage, ob sie eine verständliche Quelle abgibt, ist nicht ganz trivial: Beispielsweise sind die Lemmata zu naturwissenschaftlichen Themen oft auf einem Niveau, das dem nicht doppelqualifizierten Juristen zumindest abschnittsweise kaum noch zugänglich ist. 

In der Wissenschaft verpönt

Die Rechtswissenschaft dagegen hat die Wikipedia fast vollständig ignoriert. Im akademischen Betrieb wurde sie in den letzten Jahren hauptsächlich im Negativen erwähnt: Fast keine Merkblätter für die Anfertigung von Haus- und Seminararbeiten, beinahe kein Lehrbuch über juristische Arbeitstechniken, die nicht vor der Wikipedia gewarnt oder sie gleich pauschal für tabu erklärt haben.

Wikipedia teilt damit das Schicksal der meisten Online-Quellen, vielleicht sogar des Internets allgemein: Juristen mit akademischem Schwerpunkt nutzen es ständig, zitieren es aber nach Möglichkeit nie. Seit einigen Jahren weicht dieses generelle "Wikipedia-Verbot" des universitären Lehr- und Prüfungsbetriebs aber auf. Die pragmatischeren und klügeren Arbeitsanleitungen erkennen die Nützlichkeit der Online-Enzyklopädie an - so jedenfalls für den ersten Einstieg in unbekannte Materien.
Doch auch sie empfehlen letztlich regelmäßig, nicht die Wikipedia, sondern allenfalls deren (insbesondere juristische) Quellen zu zitieren.

Die Begründungen für die Warnungen vor der Wikipedia – sofern solche denn überhaupt für nötig gehalten werden – lauten meistens, sie lasse die Bearbeiter der Texte nicht erkennen, geschweige denn deren fachliche Qualifikation. Außerdem könnten die Texte ständig bearbeitet werden, so dass die Referenzierung eines bestimmten Bearbeitungsstands schwierig sei.

Zitiervorschlag

Roland Schimmel, Wikipedia für Juristen: Die Affäre für jedermann. In: Legal Tribune Online, 06.03.2017, http://www.lto.de/persistent/a_id/22280/ (abgerufen am: 23.06.2017)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 06.03.2017 14:19, FinalJustice

    Ich teile die Ansicht des Autors, dass Wikipedia zu Unrecht als wissenschaftlichen Standards genügende Quellensammlung kategorisch abgestempelt wird, gerade unter Juristen - wohlgemerkt: Unter dem Lehrpersonal der Universitäten. Studenten und, wie zutreffend herausgestellt wird, auch Gerichte, haben da weniger Berührungsängste. Solange man Wikipedia als das nimmt, was es ist, nämlich eine mehr oder minder kurze Zusammenfassung eines Themas, dann ist es ein wunderbarer Aufhänger für weitere Recherchen und auch für Zitate, die Bereiche berühren, die nicht weiter von vertiefender Relevanz sind oder einfach eine abstrakte Definition liefern sollen.

    Allerdings: Die Qualität der Artikel, die das deutsche Recht betreffen, sind in der Regel unterdurchschnittlich bis vollkommen unbrauchbar. Man merkt ihnen an, dass sie von juristischen Laien verfasst worden sind, die den korrekten Sprachgebrauch der Rechtswissenschaft nicht beherrschen und auch kein systematisches Rechtsverständnis haben. Ich maße mir da durchaus ein umfassenderes Urteil an, weil ich mehrere Artikel editiert habe (und deren Veränderung wurde auch übernommen), die wirklich grobe Fehler enthielten. Es ist jedoch auch einzuräumen, dass sich das offenbar langsam rumspricht und die Qualität sich stetig zu verbessern scheint. Von daher begrüße ich es, wenn sich Professoren in Artikeln und Veranstaltungen positiv gegenüber Wikipedia posizionieren, weil die größere Aufmerksamkeit auch zu einer erhöhten Exposition der Artikel führt - und je mehr geschulte Augen einen Artikel lesen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er inhaltlich korrigiert wird.

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  • 06.03.2017 16:47, LTO-Leser

    Allerdings ist das Bundespatentgericht, wie der Autor u.a. in der Wikipedia hätte nachlesen können, kein "oberstes", sondern ein erstinstanzliches (Bundes-)Gericht, womit zugleich die Nützlichkeit dieses Hilfsmittels für den Juristen mit defizitärer Allgemeinbildung bestens nachgewiesen wäre.

    Von ganz einfachen Fragen wie der vorgenannten abgesehen, wird man in der Wikipedia zu Rechtsthemen aber leider nicht ganz selten mit unzutreffenden, unvollständigen oder überholten Informationen bedient. Für den Laien mag der Zugriff auf Wikipedia zwar trotzdem häufig schon etwas weiterhelfen. Dass man aber dem in der Ausbildung befindlichen Juristen mit Nachdruck zurät, sich besser der ihm ohne weiteres zugänglichen etablierten Rechtsliteratur zu bedienen, ist evident richtig und wird dies vermutlich noch lange bleiben.

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    • 06.03.2017 17:58, Arpakasso

      Das BPatG wird nicht unbedingt "Allgemeinbildung" kompensieren, sondern kommt wahrscheinlich wegen dem "vorbekannten Stand der Technik" u.ä. immer wieder auf der Wikipedia raus, da alles, was da zu einem bestimmten Zeitpunkt stand, definitiv den betroffenenn Kreisen bekannt sein musste. Das ist in Patentverfahren regelmäßig Tatsachen-Streitfrage, da es ja um technische Erfindungen und deren Neuheit oder Nicht-Neuheit geht. (Zudem: Teilweise Amtsermittlungsgrundsatz!) Da geht es auch wenig um "Allgemein"-Bildung, sondern oft um hochspezielle technische Verfahren und Standards, die auf der Wikipedia für Nicht-Techniker noch am verständlichsten aufbereitet sind. Und irgendwo im BPatG sitzen eben auch noch nicht-technische Richter (aka Juristen). Die brauchen das in Techniker-Laientauglich. *badumm-tsch!*

    • 15.03.2017 21:34, lost its bite

      LTO-Leser ist auch nicht mehr, was er mal war. Altersmilde kann es noch nicht sein. Ein beruflicher Rückschlag vielleicht? Seien Sie nicht traurig - Rückschläge sind nur verkleidete Neuanfänge.

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