Alexander Stevens Buch "Sex vor Gericht": "Juristen haben von Sex keine Ahnung"

von Constantin Körner

19.04.2016

Alexander Stevens hat ein Buch geschrieben über seinen Job als Anwalt im Sexualstrafrecht. Im Interview erklärt er, wie man Täter und Opfer vertritt. Und moniert eine konstante Übermoralisierung von Sex und Sexualstrafrecht.

 

LTO: Herr Dr. Stevens, die meisten Ihrer Berufskollegen betrachten das Sexualstrafrecht lieber aus sicherer Distanz – schließlich haftet ihm ein Schmuddelimage an, zum Teil werden die Fälle auch als emotional zu belastend empfunden. Warum haben Sie sich trotzdem ausgerechnet auf dieses Rechtsgebiet spezialisiert?

Stevens: Es ist sogar meines Wissens nach so, dass es mit Ausnahme unserer Kanzlei keinen einzigen Anwalt gibt, der ausschließlich Sexualstrafrecht macht. Der Grund ist einfach erklärt: Ein Herr Hoeneß, aber auch der fiese Mörder, wollen nicht auf dem "selben Stuhl" sitzen wie der Kinderschänder oder Vergewaltiger. Der steht nämlich selbst in der Knastehre an unterster Stelle.

Dass ich mich dennoch dafür entschieden habe, hat zwei Gründe. Zum einen wird um Sex nicht nur bei den Anwaltskollegen, sondern vor allem in der Juristenausbildung ein großer Bogen gemacht. Weder im Studium noch im Referendariat bekommt man auch nur einen einzigen Paragrafen aus dem Sexualstrafrecht gelehrt. Und daraus resultiert auch die Qualität des Wissens unter den Absolventen: Juristen haben von Sex keine Ahnung!

"Der Druck, auf Deals einzugehen, kann enorm sein"

Dies merkte ich selbst, als ich in den Anfängen meiner Anwaltstätigkeit just einen Vergewaltigungsfall hatte, bei dem ich einen für meine Begriffe hundertprozentig unschuldigen Angeklagten vertreten habe, der sich aber auf massiven Druck des Gerichts zu einem sogenannten Zweckgeständnis hat hinreißen lassen, um so im Rahmen eines zweifelhaften Deals zu einer Bewährungsstrafe zu kommen.

Natürlich darf man dabei nicht vergessen, wie unendlich schwer der Druck auf einem lastet, wenn man bedenkt, dass im Falle einer Verurteilung, die gerade im Sexualstrafrecht in den meisten Fällen nur auf einer reinen Aussage gegen Aussage-Konstellation beruht, eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren droht.

Dennoch hätte ich mit dem Wissen, das ich mir im Rahmen des Selbststudiums und der Erfahrung im Sexualstrafrecht über die Jahre angeeignet habe, einem solchen "Teufelspakt" heute nicht mehr zugestimmt und für den Freispruch gekämpft.

LTO: Sie schreiben, die Frage nach den Auswirkungen Ihres Berufs auf Ihr Privatleben werde Ihnen am häufigsten gestellt, jedoch meist eher rhetorisch. Wir sind aber wirklich neugierig.

Stevens: Ich habe in dem Kapitel "Lust" geschrieben, dass ich privat keine One-Night-Stands mehr hätte!

Natürlich war das sehr plakativ. Denn mein Privatleben hat in einem solchen Buch nichts verloren. Aber ganz abgesehen davon, ob das jetzt stimmt oder nicht, kann ich ohne jedwede Rhetorik versichern, dass ich vor allem solche Fälle gedanklich mit nach Hause nehme, in denen mal wieder ein Mann der sexuellen Gewalt bezichtigt wird und ich meine größten Zweifel am Wahrheitsgehalt habe.

Selbst das bayerische Landeskriminalamt geht mittlerweile davon aus, dass fünfzig Prozent aller Vergewaltigungsanzeigen falsch sind. Ich würde das sofort unterschreiben.

"Wir erleben eine konstante Übermoralisierung von Sex und Sexualstrafrecht"

LTO: In Ihrem Buch schildern Sie - und zwar ohne Vorwort - Ihre nach eigenen Angaben "härtesten" Fälle. Von dem Geldsklaven, der sich von seiner Domina betrogen fühlt über Geschwister, die sich auch körperlich innig lieben bis zum Gastronom, der sich beim Toilettengang seiner Kundinnen als Voyeur entpuppt. Ihren Mandanten dürfte es regelmäßig lieber sein, den Mantel des Schweigens über die Angelegenheit zu breiten. Warum haben Sie sich entschieden, das Buch zu machen?

Stevens: Natürlich sind die Fälle anonymisiert. Obwohl es allesamt sehr presseträchtige Fälle waren, über die, meist bundesweit, in allen Boulevardmedien berichtet wurde und die somit per se schon längst öffentlich wurden.

Mit dem Buch geht es mir nicht darum, Geld zu verdienen. Dazu habe ich meinen Anwaltsberuf, der mich ausreichend versorgt. Abgesehen davon, dass man entgegen weitläufiger Meinung mit Bücherschreiben kein Geld verdienen kann.

Ich will aufklären. Wir erleben seit Jahren eine konstante Übermoralisierung von Sex und Sexualstrafrecht. In den letzten 20 Jahren hat sich quasi nur das Sexualstrafrecht im StGB verschärft. Und das mitnichten immer auf eine sinnvolle Art und Weise.

Mit den geschilderten Fällen versuche ich, genau darüber aufzuklären. Wobei ich aber keineswegs die Täter verschone. Schließlich vertrete ich mindestens genauso viele Opfer sexueller Gewalt, und auch da hagelt es in meinem Buch Kritik an Polizei und Justiz.

LTO: Empfinden Ihre Mandanten es mitunter als störend, dass Sie grundsätzlich sowohl für Opfer als auch für Beschuldigte tätig werden?

Stevens: Dieser Umstand ist sowohl den Beschuldigten als auch den Opfern bekannt, wenn sie mich mandatieren. Und zwar schon meist bevor sie mich überhaupt aufsuchen. Denn ich kommuniziere das ganz offen.

Es schließt sich nämlich keineswegs aus, sowohl Opfer als auch Täter im Sexualstrafrecht zu vertreten. Denn nur, wer die eine Seite kennt, kann auch auf der anderen Seite entsprechend gut agieren: Wenn ich ein Opfer vertrete, weiß ich aus meiner Erfahrung als Strafverteidiger, welche Verhandlungstaktiken das Opfer erwarten können und wo es Sinn macht, sich zu verständigen, etwa einen Täter-Opfer-Ausgleich anzubieten oder das Opfer auf zu erwartende "schwierige" Fragen entsprechend vorzubereiten. Gleiches gilt für die Verteidigung von Tätern.

Zitiervorschlag

Constantin Körner, Alexander Stevens Buch "Sex vor Gericht": "Juristen haben von Sex keine Ahnung". In: Legal Tribune Online, 19.04.2016, http://www.lto.de/persistent/a_id/19124/ (abgerufen am: 29.06.2017)

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Kommentare
  • 19.04.2016 11:11, Jemand_NRW

    "Weder im Studium noch im Referendariat bekommt man auch nur einen einzigen Paragrafen aus dem Sexualstrafrecht gelehrt.
    Und daraus resultiert auch die Qualität des Wissens unter den Absolventen: Juristen haben von Sex keine Ahnung!"

    --> Schlussfolgerung: der Autor meint, Ahnung vom Sex bekomme man nur durch Ausbildung in Jurastudium und Referendariat!?
    Der These will ich mich in der Form nicht anschließen...

    Überhaupt wird hier viel zu sehr von "Sex" und "Sexualstrafrecht" in einem Atemzug gesprochen.



    "Dass Geschwister angeblich aus Angst vor behinderten Kindern keinen Sex haben dürfen, behinderte Menschen hingegen schon, ist ein weiteres Beispiel von ganz vielen für völlig irrationale Tatbestände unseres deutschen Sexualstrafrechts."

    --> nein, das ist völlig rational und verfassungsrechtlich geboten. Ein Behinderter kann nicht anders als Behinderter Sexualität haben. Ein Verbot würde ihm damit JEGLICHE Sexualität untersagen; dies wäre offensichtich ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in das Allgemeine Persönlichkeitsrecht.

    Eine Schwester oder ein Bruder werden durch das Verbot ungleich weniger getroffen, ihnen wird die Sexualität mit weit über 99,9% der Menschheit weiterhin erlaubt.

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    • 19.04.2016 12:57, Niemand_NRW

      Ich denke, dass es dem Author um die Kenntnis von Sex im Zusammenhang mit Recht geht (um rechtliche Vorschriften, die eben die Sexualität berühren), nicht um die Kenntnis über Sexualität an sich.
      Wobei ich anneheme, dass es bewusst offen formuliert wurde - liest sich kontroverser, erfasst Leute beim flüchtigen Lesen eher.. scheint ja auch zu funktionieren.

      Zustimmung dazu, dass der Vergleich irgendwie nicht passend ist, um die Unsinnigkeit dieses Paragraphen darzustellen. Dennoch hat er im Endeffekt recht - absoluter Unsinn!
      Geschützt werden hier hauptsächlich Moralvorstellungen und nicht etwa Rechtsgüter bzw. ein intendierter Rechtsgüterschutz ist allein durch die Vorschrift absolut unzureichend umgesetzt, wenn jeder sonstige Mensch mit seinem Mitmenschen Sexualität praktizieren und auch Kinder zeugen darf, unabhängig von einem "Gencheck" beider.
      Dass sich der Staat erhebt und hier "unwertes Leben" proklamiert, trifft bei mir aufjedenfall auf keine Zustimmung. Ein Nichtleben geht einem möglicherweise wie auch immer eingeschränkten (?) Leben vor - okay!

    • 22.04.2016 08:47, Moment mal

      Behinderten ist Sex untereinander aber nicht nur deswegen nicht verboten, weil sie sonst nicht dürften. Ein solches eugenische Argument wäre mit Art. 1 nicht vereinbar. Ich empfehle eine Lektüre des abweichenden Votums von Hassemer zur Intestenrscheidung, der auch die anderen "Argumente" seiner Senatskollegen zerpflückt hat.

    • 22.04.2016 20:16, Markus L.

      Es ist schon erstaunlich, dass man im Strafrecht Delikte wie Mord und Totschlag hoch und runter durchnimmt, obwohl statistisch gesehen kaum ein Jurist mit diesen Delikten in Berührung kommt. Hingegen werden Sexualstraftaten tatsächlich überhaupt nicht durchgenommen, obwohl diese statistisch wesentlich häufiger vorkommen.

  • 19.04.2016 11:37, meine5cent

    Die Behauptung zum Bayerischen LKA ist offenbar falsch.Man sollte die Studie vielleicht auch lesen (Vergewaltigung und Sexuelle Nötigung in Bayern, als pdf aufrufbar, welche andere Studie des bayerischen LKA er meinen könnte, gibt das Interview nicht her).
    Dort heißt es auf Seite 282=286 des pdf, mindestens ein Fünftel bis zu einem Drittel sei "zweifelhaft", wobei wegen falscher Verdächtigung nur in 7,4 % der Fälle dann auch tatsächlich angezeigt wird.
    Die "jede zweite" erfunden-Story ist die Einschätzung eines einzigen (!) Kommissariatsleiters, die in der Studie zitiert wird und der für seine Sachbearbeiter spricht, die davon überzeugt seien, mehr als die Hälfte der Anzeigen sei falsch, aber bei denen es dann offenbar auch nicht für eine Anzeige wegen falscher Verdächtigung reicht (Seite 177=181 des pdf).

    Gegenüber dem in der Studie aus 2005 untersuchten Zeitraum muss man wohl auch noch besondere statistische Effekte berücksichtigen. So dürfte es aufgrund der Berichte über Mißbrauch in kirchlichen und anderen (Odenwaldschule) Einrichtungen in den letzten Jahren vermutlich einige Strafanzeigen gegeben haben, bei denen die Staatsanwaltschaften schlichtweg wegen offensichtlicher Verjährung die Verfahren eingestellt haben, ohne dass es auf die Prüfung der Glaubhaftigkeit der Anzeigen ankam. Diese Einstellungen erhöhen die Einstellungsquote insgesamt, führen aber nicht dazu, dass man deshalb den Schluss ziehen kann : eingestellt-Falschanzeige.

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  • 20.04.2016 11:26, Mark Kern

    Warum wird sogar hier über die höchstpeinliche PR-Arbeit eines wenig seriös erscheinenden, sich lächerlich machenden Rechtsanwalts berichtet? Was für ein Schmarrn...Hier geht es weiter: http://www.bild.de/regional/muenchen/rechtsanwalt/fuer-sexualstrafrecht-packt-aus-45156838,la=de.bild.html

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    • 21.04.2016 06:03, Kernig

      Wieso, ist doch interessant.

  • 20.04.2016 15:52, alex

    Tja nun, aber mit den Verbot will man doch das noch ungeborene Leben vor Schaden bewahren, da kann es nicht sein, dass bei einem bestimmten Personentyp drauf geachtet wird, bei einem anderen aber nicht, wenn schon ein Schutzgut, dann bitte auch für alle.

    Besser fände ich allerdings den Vergleich mit alten Eltern, wie sie, zumindest in der Presse, immer mehr werden. Da ist das Risiko von Schäden nämlich größer als beim Inszest, trotzdem dürfen die hübsch Nachwuchs zeugen und werden noch beglückwünscht, während das andere halt "Igittigittigitt" ist.

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    • 21.04.2016 06:14, Kernig

      Wissenschaftlich gesehen steigt das Risiko von Komplikationen ab dem Alter von 30 und 35 Jahren sprunghaft an.

      https://en.wikipedia.org/wiki/Advanced_maternal_age
      https://en.wikipedia.org/wiki/Paternal_age_effect

    • 26.04.2016 17:14, RA F

      Geschwister werden ja selbst dann bestraft, wenn sie unfruchtbar sind oder verhüten. Dagegen ist Anal- oder Oralverkehr nicht strafbar, obwohl der Gesetzgeber meint, § 173 StGB schütze die Familienstruktur. Das ist auch das wohl, was der Kollege Stevens mit absurd meint.

  • 21.04.2016 18:52, *Ich*

    Deutschland hat den schärfsten Tatbestand im Hinblick auf die Vergewaltigung und sexuelle Nötigung im internationalen Rechtsvergleich? Da würde ich mich vorher besser informieren, bevor ich sowas behaupte. Hätte Deutschland dies tatsächlich, hätten wir keine Strafbarkeitslücken im Sexualstrafrecht (im Vergleich zu anderen EU-Ländern). Sehr gut gemerkt, dass es in der Silvesternacht in Köln hauptsächlich um sexuelle Belästigungen und Diebstähle ging. Und weiter? Das Betatschen ist nicht strafbar. Erfüllt weder die Voraussetzungen einer sexuellen Nötigung, noch einer tätlichen Beleidigung. Wir haben also sehr wohl eine Strafbarkeitslücke und eine erneute Reform des Sexualstrafrecht ist notwendig. Mit dem gesellschaftlichen Wandel ändert sich auch die Gesetzeslage. Und so war es immer.

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    • 22.04.2016 08:59, Moment mal

      Das ist doch aber eigentlich der Kern der Diskussion, ob das bloße Betatschen nicht zurecht straffrei oder jedenfalls allerhöchsten im Rahmen der Beleidigungsschwelle abgehandelt werden sollte. Bisher war das keine planwidrige Lücke, wie z.b. Herr Fischer sehr gerne betont.

  • 22.04.2016 20:12, Markus L.

    Auch ein interessanter Widerspruch: Ich darf als Erwachsener mit einer Jugendlichen zwischen 14 und 17 straffrei Sex haben. Ich darf aber keinen Porno anschauen, in dem eine 17jährige (freiwillig) mitmacht. Warum?
    Ohnehin bei den ganzen Porno-Bestimmungen problematisch: wenn ich einen Porno sehe, woher weiß ich dann, wie alt die Darsteller sind?
    Und auch eine interessante Logik: Ich darf als Erwachsener mit einer Jugendlichen Sex haben. Aber wenn ich ihr dafür Geld gebe, ist es strafbar. Warum?

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    • 27.04.2016 07:04, Wahnsinn

      Weil es aktuell so geregelt ist. Ob das se lege ferenda anders gemacht werden könnte, steht auf nem anderen Blatt ;-)

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