Schokoladenmanufaktur Leysieffer
Sweet Dreams aus Niedersachsen
21.09.2010

Max Mustermann
Hochkonzentriert fixiert der junge Konditormeister sein Objekt der Dekoration: einen tischtennisballgroßen Igel aus Marzipan, hell und nackig. Mit nicht enden wollender Geduld, Stachel für Stachel, spickt der Mann den Rücken des süßen Tierchens mit Mandelstiften, um es behutsam auf ein Blech zu setzen. Von dort geht die Reise in ein weiteres Paar Hände, zum Anstrich mit feinster Kuvertüre. Tiefbraun bepinselt, mit weißen Augen aus Zuckerguss, wird der Igel vorsichtig eingetütet und mit schwarzem Leysieffer-Siegel versehen. Haltbarkeit: sechs Wochen wegen der hochwertigen Rohstoffe, ganz ohne Konservierung.
Im niedersächsischen Osnabrück – der Stadt mit der höchsten Lebensqualität in Deutschland laut einer Umfrage des "stern"– geht es jedem Stück so, das das Traditionshaus der Schokoladen-Manufaktur verlässt. Jedes Teil wird handgemacht, in Form gebracht, bestrichen, getunkt, verziert, geschnitten, und aufs liebevollste eingepackt, gebettet oder gefüllt – egal ob eine der über 300 verschiedenen Pralinensorten, Baumkuchen, Mutzenmandel, Trüffel, Jahrgangsschokolade, Konfitüre oder erlesenes Kuchenstück. Alles geschieht in unendlicher Gründlichkeit und Sorgfalt, gerade so, als spiele Zeit keine Rolle und als packe man das Glück höchst selbst in Zellophan.
Französische Konfiserie mit deutschem Touch
Jan Leysieffer heißt der Mann, der das Familienunternehmen in vierter Generation führt und sich dem süßen Glück verschrieben hat. "Dass ich einmal eine Tradition fortsetzen und das Geschäft leiten würde, ahnte ich als Kind natürlich nicht", sagt der 43-jährige im Habit, das so schwarz ist, wie sein Logo. "Ich habe es geliebt mit meinem Vater in die Manufaktur zu gehen, zu schauen, was er macht, all die wunderbaren Sachen zu riechen und zu naschen. Da hat es nichts gegeben, was mich mehr interessiert hätte – und das ist bis heute so geblieben."
Als Leysieffer Anfang der 90er-Jahre als einziger Nachfahre mit ins operative Geschäft einstieg – an der Seite seines Vaters Axel – brummte das Business. Cafés und Konditoreien gab es zuhauf, aber niemand hatte zuvor diese geniale Idee, französisch anmutender Konfiserie einen urdeutschen Touch zu geben und dabei eine enorm umfangreichen Produktpalette anzubieten, die qualitativ hielt, was sie optisch versprach. Überall sah man Beeren, Früchte und frisches Obst wie auf einem Wochenmarkt - eine köstliches Gegenbild zu Käsesahne und Co. Preislich gehoben, aber nie abgehoben. Kurzum: Ein Konzept das aufging.
Rund 100 der insgesamt 450 Mitarbeiter arbeiten in der Osnabrücker Zentrale in den Backstuben, an den Pralinenbändern, den Kuvertüre-Tauchbecken, den Spritztüten, den Glasurpinseln oder den rötlich glänzenden Kupferkesseln, in denen Fruchtaufstriche mit langen Holzlöffeln handgerührt werden. Wunderbare Gerüche nach Himbeeren, warmer, dunkler Schokolade, würzigem Lebkuchen oder köstlichen Butterkuchen liegen in der Luft. Düfte, die hungrig und fröhlich machen, die beruhigen und Bilder hervorrufen an Kindheit und Harmonie.
Bauchgefühl statt Marktanalysen
Das Geheimnis von Leysieffers Zauberei ist, das es keines gibt. "Wir haben nie Analysen angestellt oder großartige Erhebungen gemacht", sagt der Chef vor einem Teller mit Champagner-Trüffeln, den er nicht anrührt ("ich muss aufpassen!"). Leysieffer sieht an seinen Produkten und in den eigenen Läden, wo der Trend hingeht. Hochwertige Rohstoffe seien dabei unverzichtbar, die "faktisch Bio-Ware sind, ohne dass wir sie als solche deklarieren" und eine übersichtliche Produktionsmenge, die ein Handwerk noch ermöglicht. Beliefern tut das Unternehmen von München bis Westerland 19 Confiserien, sechs Bistros und ausgewählte Läden. Man hat zudem Franchising-Stützpunkte und eine lange Liste von Kunden mit gesonderten Bestellungen.
Der Kreis der geheimbündlerischer Tester ist im Hause übersichtlich: Leysieffer junior und Leysieffer senior. Von basisdemokratischen Entscheidungen hält man wenig, oder: Wozu 20 Leute fragen, wenn zwei genügen? "Ich muss doch nicht Agenturen beschäftigen oder professionelle Testesser, wenn ich mich auf mein eigenes Bauchgefühl verlassen kann und weiß, ob das Produkt qualitativ, optisch und preislich hinhauen kann." Der kreative Input sei ebenfalls völlig intuitiv, wie Leysieffer erzählt. "Mal kommt wochenlang gar nichts, mal sehe ich ein bestimmtes Gewürz und will es gleich verwenden."
Schwarze Träumerei ist Männersache
Die Schwarze Träumerei – "La Rêverie Noir" - heißt eine der neuesten Kreationen. Dunkle Pralinen mit einer Kuvertüre mit 80-prozentigem Kakao-Anteil, die besonders von Männern gekauft werden. Aber auch Schokolade mit Meersalz, Chili oder Ingwer finden einen guten Absatz, Schokoladen, die zu Whiskey oder Wein passen – "eine tolle Kombination!" Für die kunstvollen Etiketten mit Retro-Touch ist Ehefrau Sylvia zuständig. "Das ist das Tolle an einem Familienunternehmen", sagt Jan Leysieffer, "wir haben immer kurze Wege!" Ob die 9-jährige Tochter oder der 13-jährige Sohn mal in Business mit einsteigen werden, weiß der Vater heute noch nicht. "Das setze ich zwar nicht voraus, aber ich hoffe es trotzdem." Verbissenheit lehnt Leysieffer ab und duldet selbst schon mal ein Glas "Nutella" auf dem Frühstückstisch.
Über Umsätze spricht Jan Leysieffer dagegen nicht. Aber dass es "in der Krisenzeit fast keine Einbrüche in den eigenen Läden gegeben hat – das war schon erfreulich". Unerfreulich sind für Leysieffer lediglich juristische Auseinandersetzungen: "Die vermeide ich, wo ich nur kann. Die finde ich unangenehm. Ich bin ein Freund von Harmonie. Aber natürlich haben wir es immer wieder mit Plagiaten am Markt zu tun oder mit Namesklau – gestohlen wird eben überall" – und das scheint auch schon die einzige bittere Seite an der sonst so süßen Sache zu sein.
Zitiervorschlag
Gil Eilin Jung, Schokoladenmanufaktur Leysieffer: Sweet Dreams aus Niedersachsen. In: Legal Tribune ONLINE, 21.09.2010, http://www.lto.de/persistant/a_id/1511/ (abgerufen am 21.05.2012)
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