Peppige Privatrechts-Präsentationen: Deutschlands erster JuraSlam überraschend unterhaltsam

von Jens Kahrmann

04.11.2013

Eine Bühne, ein Jurist und zehn Minuten Zeit – mehr bedarf es häufig nicht, um ein Auditorium geschlossen einschlafen zu lassen. Doch auch Rechtswissenschaftler können verständlich und zugleich humorvoll präsentieren, ohne Anlass zu Fremdscham zu geben. Dies bewiesen am vergangenen Samstag fünf Nachwuchsjuristen mit spannenden und unterhaltsamen Kurzvorträgen bei Deutschlands erstem JuraSlam.

 

Anlässlich der fünften langen Nacht des Wissens in Hamburg öffnete auch das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht die Tore für die interessierte Öffentlichkeit. Neben einer Diskussionsveranstaltung über Recht und Politik sowie Bibliotheksführungen wartete an diesem Abend ein besonderes Highlight auf die Besucher: Ein JuraSlam – soweit bekannt, der erste seiner Art in Deutschland.

Bei einem JuraSlam handelt es sich um einen juristischen Science Slam, eine Veranstaltungsform, die letztlich auf die bekannteren Poetry Slams zurückgeht. Alle diese Formate eint, dass die Teilnehmer, die so genannten Slammer, innerhalb einer vorgegebenen Zeitspanne einen Text beziehungsweise ein Forschungsthema verständlich und vor allem unterhaltsam präsentieren sollen. Bewertet werden die Leistungen anschließend durch Punktrichter aus dem Publikum.

Zuhörerzahl weit über den Erwartungen

Bereits zu Beginn der Veranstaltung wurde klar, dass der Abend eine handfeste Überraschung werden könnte: Die Sitzplätze des Ernst-Rabel-Saals im dritten Obergeschoss waren sehr schnell belegt. Dutzende Interessierte - unter ihnen viele junge Menschen - mussten letztlich mit dem Parkettboden bzw. den Stehplätzen Vorlieb nehmen.

"Mit so vielen Leuten haben wir nicht gerechnet", gab denn auch eine Sprecherin des Instituts unumwunden zu. Andererseits passte dies letztlich durchaus ins Konzept – wollte man mit dieser Veranstaltung doch mehr Menschen für die Forschungsprojekte des Instituts interessieren.

Die Moderation übernahmen der wissenschaftliche Referent Prof. Dr. Harald Baum und Moritz Neumeier. Letzterer darf als Unterhaltungsprofi gelten: Seit 2008 nimmt der Autor und Kabarettist an Poetry Slams teil und hat schon mehrfach solche Veranstaltungen geleitet. Mit vielen lockeren Sprüchen und witzigen Pointen hatte er schnell fünf freiwillige Punktrichter aus dem Publikum rekrutiert, darunter vorwiegend Studenten und Wissenschaftler – aber kein Jurist.

Unterhaltung ja, Fremdschämen nein

Die folgenden eineinhalb Stunden sollten von Vertragsbrüchen über die Zwangsversteigerung von Schiffen bis hin zur Durchsetzbarkeit ausländischer Schiedssprüche handeln. Die Befürchtung lag nahe, dass dies entweder furchtbar langweilig oder, mit einigen "flotten" Sprüchen angereichert, furchtbar peinlich werden würde.

Doch die fünf Slammer, allesamt Doktoranden oder Habilitanden, wussten genau, was sie taten. Vor der Veranstaltung gab es nämlich nicht nur eine Generalprobe, sondern auch zwei halbtägige Workshops mit Julia Offe, einer promovierten Molekularbiologin und passionierten Science Slammerin.

Alle Slammer bedienten sich visueller Untermalung durch Bildschirmpräsentationen, und alle hatten griffige Vergleiche und markige Sprüchen parat, die ins Schwarze trafen und unterhielten, ohne zu befremden. Beim Thema Vertragsbruch wurden zum Beispiel umgehend Brücken geschlagen zum Ehepaar van der Vaart und der Umorientierung des Gatten zur Fußballerbraut Sabia Boulahrouz. Und zur Demonstration von Zwangsversteigerungen beteiligte eine junge Slammerin aus Belgien sogar das Publikum und veranschaulichte, dass es in den Niederlanden bei Zwangsversteigerungen nach der ersten Phase des Hochbietens noch ein Herunterbieten von einem deutlich über dem Höchstgebot liegenden Preis gebe – "so bekommt man nämlich mehr Geld."

Geschenkt haben sich die Slammer nichts, sie lieferten sich vielmehr ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Ausreißer nach unten gab es keine; auf der zehnstelligen Skala vergab kein Juror jemals weniger als fünf Punkte. Meist bewegten sich die Wertungen deutlich im oberen Bereich. Entsprechend begeistert fiel der Applaus des Publikums aus.

The "Golden Nutshell" goes to Christian Steger

Die Siegertrophäe in Form einer "Golden Nutshell" sicherte sich letztlich Christian Steger mit seinem Slam über die Durchsetzung ausländischer Schiedssprüche. Wir fragten ihn nach der Veranstaltung, ob er mit dem Erfolg gerechnet hatte. "Gehofft habe ich natürlich schon, dass ich das Rennen mache. Gerechnet habe ich damit aber nicht, denn wir haben uns alle gemeinsam vorbereitet und ich wusste so genau, wie gut die anderen aufgestellt sind."

Christian Steger, Gewinner des JuraSlamInsgesamt vier Tage hat sich der Doktorand und wissenschaftliche Assistent auf die Veranstaltung vorbereitet. Vor allem das Teamwork hat ihm gut gefallen: "Wir haben bei der Vorbereitung alle an einem Strang gezogen – das war keine kompetitive Atmosphäre."

Slam-Profi und Moderator Moritz Neumeier zeigt sich vom Abend überrascht: "Ich habe eher gedacht, dass recht wenige Leute kommen würden. Und dass bei Science Slams durchgängig Witze gemacht werden, wie wir das am heutigen Abend erlebt haben, ist sehr selten."

Wir wollen von dem Profi wissen, ob Juristen gegenüber den Naturwissenschaftlern bei solchen Veranstaltungen schon aufgrund des Themas eher im Nachteil seien. "Naturwissenschaftler führen gerne mal Experimente vor und lenken damit viel Aufmerksamkeit auf sich. Juristen haben aber den großen Vorteil, dass sie viel reden und mit der Sprache arbeiten", gibt Moritz Neumeier zu bedenken.

Die Sprecherin des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Privatrecht jedenfalls glaubt an das Potential des Formates: "Nach dieser guten Erfahrung machen wir das vermutlich erneut." Und der sehr unterhaltsame Verlauf des Abends lässt in der Tat mutmaßen, dass dies nicht der letzte JuraSlam gewesen sein wird, den wir hierzulande zu sehen kriegen.

Zitiervorschlag

Jens Kahrmann, Peppige Privatrechts-Präsentationen: Deutschlands erster JuraSlam überraschend unterhaltsam. In: Legal Tribune Online, 04.11.2013, http://www.lto.de/persistent/a_id/9947/ (abgerufen am: 31.07.2016)

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