JFK – Tatort Dallas: Der verhinderte Jahrhundertprozess

Jochen Thielmann

12.11.2011

Die gerichtliche Aufarbeitung des Attentats auf John F. Kennedy wäre vermutlich der Strafprozess des 20. Jahrhunderts geworden, doch durch die Tötung des Verdächtigen Lee Harvey Oswald wurde ein solches Ereignis frühzeitig verhindert. Ohne Oliver Stones Epos "JFK – Tatort Dallas" (1991) wüsste heute hierzulande kaum jemand, dass es in dieser Sache trotzdem einen Strafprozess gegeben hat.

 

In der Geschichte gibt es immer wieder Ereignisse, in denen für kurze Zeit die Welt stillzustehen scheint. Fast alle erwachsenen Menschen können noch Jahrzehnte später genau schildern, wie sie den Moment erlebt haben, als sie die Nachricht zum ersten Mal wahrgenommen haben.

Was für die heutige Generation vermutlich der 11. September 2001 ist, war für die vorangegangene Generation der 22. November 1963. An diesem Tag wurde der amtierende US-Präsident John F. Kennedy in Dallas bei einem Autokorso erschossen. Kennedy war der Hoffnungsträger nicht nur der Amerikaner, sondern nicht zuletzt auch der Deutschen, die ihm noch kurz zuvor in Berlin frenetisch gefeiert hatten.

Es dauerte nur wenige Stunden, bis die Behörden einen dringend Tatverdächtigen festnehmen konnten: Lee Harvey Oswald. Es folgten lange Vernehmungen, die entweder nicht protokolliert wurden oder von denen die Protokolle der Öffentlichkeit bis heute nicht zur Kenntnis gebracht wurden. Viel mehr als sein Dementi, mit dem Mord etwas zu tun zu haben, und seine Behauptung, er sei nur der "Sündenbock", ist von Oswald  nicht an die Öffentlichkeit gelangt, bevor er in der Tiefgarage des Polizeipräsidiums in Dallas von dem Barbesitzer Jack Ruby erschossen wurde – zwei Tage nach dem Tod des Präsidenten.

Ein Einzeltäter oder eine Verschwörung?

Die von Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson eingesetzte Untersuchungskommission um den obersten Bundesrichter Earl Warren kam 1964 zu dem offiziellen Ergebnis, dass Oswald als Einzeltäter das Attentat verübt hatte. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses glaubte im Jahr 1979 hingegen an eine Verschwörung, weil man von einem weiteren Schützen ausging.

Kein Verbrechen der letzten fünfzig Jahren hat so viele Bücher zur Folge gehabt wie das Kennedy-Attentat. Alle diese Bücher haben dabei gemeinsam, dass sie die "ganze Wahrheit" nicht gefunden haben.

Aufgrund der Fülle der verschiedensten Verschwörungstheorien – von Fidel Castro über die Castro-feindlichen Exil-Kubaner bis hin zur Mafia – dauerte es für Hollywood ungewöhnlich lang, bis man sich des Stoffes annahm, wie ein Vergleich mit dem Watergate-Einbruch zeigt, bei dem zwischen Ereignis und Hollywood-Film gerade mal vier Jahre lagen.

Es war der schon damals zweimalige Oscar-Preisträger Oliver Stone, der sich Anfang der 90er-Jahre in all dem Theorienwust wohlweislich auf die einzige gerichtliche Aufarbeitung konzentriert hat, die es in den USA zu diesem Fall gegeben hat.

Schauprozess statt akkurater Aufarbeitung

Gegen erbitterte Widerstände hatte der Bezirksstaatsanwalt von New Orleans Jim Garrison drei Jahre nach dem Attentat Ermittlungen gegen Verbindungsleute von Oswald aus der Metropole am Mississippi durchgeführt, an deren Ende die Anklage gegen einen bekannten Geschäftsmann namens Clay Shaw wegen der Beteiligung am Mord an John F. Kennedy stand.

Obwohl dieser Prozess im März 1969 mit einem Freispruch endete, lieferte Garrisons Buch "Wer erschoss John F. Kennedy – Auf den Spuren der Mörder von Dallas" (im Original "On the trail of the assassins") aus dem Jahr 1988 das Gerüst für den fulminanten Film von Stone.

Wie schon Garrison über zwanzig Jahre zuvor, ging es Oliver Stone nicht um eine akkurate Aufarbeitung der Schuld des Angeklagten; der Prozess ist eher Mittel zum Zweck, die geschichtliche Wahrheit des Warren-Reports in Zweifel zu ziehen. Der Regisseur wollte seinen Landsleuten und der ganzen Welt klarmachen, dass der Präsident eben nicht von einem fanatischen Einzeltäter getötet worden, sondern stattdessen Opfer einer Verschwörung geworden sei. Ist dies bei einem Filmemacher ein legitimes Anliegen, so muss man bei dem Vorgehen des Staatsanwalts ethische Bedenken geltend machen, denn so wurde der Prozess zu einem Schauprozess und der angeklagte Shaw auch nur zu einem weiteren Sündenbock. Insofern war Jim Garrison in der amerikanischen Öffentlichkeit stets umstritten und nie der Held, als den ihn Stone darstellte.

Die erwartete Kontroverse

Der dennoch beeindruckende Film liefert über mehr als drei Stunden genügend Aspekte, die geeignet sind, die Theorie des fanatischen Einzeltäters abzulehnen. Allein das wiederholte Abspielen der berühmten Filmaufnahmen von Abraham Zapruder, der das Attentat mit seiner Super-8-Kamera gefilmt hatte, muss die offizielle Version in Zweifel ziehen. Ob man gleich Stone und Garrison, der im Film ironischerweise einen Gastauftritt als Earl Warren hatte, bei ihrer Theorie folgt, dass das Attentat aus dem Innern des US-Machtapparats geplant und durchgeführt worden sei, ist eine andere Frage. Für Stone handelte es sich um einen Staatsstreich, einen Königsmord, womit die öffentliche Kontroverse, die schon während der Dreharbeiten zu "JFK – Tatort Dallas" begonnen hatte, unausweichlich war und die Diskussion um dieses Thema wieder anheizte. Der Regisseur selbst war sich bewusst, dass er an bestimmten Stellen keine Beweise für seine These liefern konnte und deshalb sein Heil in Spekulationen suchen musste. Am Ende muss offen bleiben, ob jemals die Wahrheit ans Tageslicht kommen wird, selbst wenn all die Dokumente freigegeben würden, die bis heute klassifiziert unter Verschluss gehalten werden.

Das Attentat auf John F. Kennedy war der emotionale Höhepunkt der politischen Morde im Amerika der 60er-Jahre, denen auch noch Martin Luther King und Robert Kennedy zum Opfer fallen sollten. Der Film von Oliver Stone kann zwar keinen Anspruch darauf erheben, die historische Wahrheit über den Fall zu liefern, ist aber ein Paradebeispiel für die Möglichkeiten des amerikanischen Kinos, ein bis heute kontroverses Thema sowohl unterhaltsam als auch intellektuell anregend dem Zuschauer näher zu bringen.

Der Autor Jochen Thielmann ist Fachanwalt für Strafrecht im "Strafverteidigerbüro Wuppertal". Daneben hat er neben regelmäßigen Fachartikeln für Publikationen wie Strafverteidiger, Strafverteidiger Forum oder Zeitschrift für Rechtspolitik auch bereits Beiträge über Kinofilme verfasst.

 

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Zitiervorschlag

Jochen Thielmann, JFK – Tatort Dallas: Der verhinderte Jahrhundertprozess. In: Legal Tribune Online, 12.11.2011, http://www.lto.de/persistent/a_id/4783/ (abgerufen am: 25.09.2016)

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