Der Fall Harry Wörz im Ersten: Der falsche Mann

von Jochen Thielmann

25.01.2014

Der Bauzeichner Harry Wörz hat eine Berühmtheit erlangt, auf die er sicher gerne verzichtet hätte. Er ist die Hauptfigur eines jahrelangen Justizkrimis, in dem das letzte Kapitel womöglich immer noch nicht geschrieben ist. Jochen Thielmann wirft einen Blick zurück auf die Eigenheiten des Falles und einen Blick voraus auf dessen Verfilmung.

 

Bei den meisten Tötungsdelikten sucht die Polizei zunächst im engsten Umkreis des Opfers nach dem Täter. Nicht selten wird sie dort auch fündig. Es war also keine sonderlich aufregende Entwicklung, als im April 1997 der getrennt lebende Ehemann von Silke Wörz unter dringendem Tatverdacht festgenommen wurde, nachdem die Frau schwer verletzt aufgefunden worden war. Jemand hatte sie mit einem Schal gewürgt.

Auch die Verurteilung durch das Landgericht (LG) Karlsruhe zu elf Jahren Freiheitsstrafe wegen versuchten Totschlags nach nur wenigen Hauptverhandlungstagen erregte kein bundesweites Interesse – trotz offensichtlicher Polizeifehler und etlicher Ungereimtheiten.

Ein Fall wie gemacht für eine Verfilmung

Es gibt in der Strafjustiz eines Rechtsstaates immer mal wieder Fälle, die das Klischee des klassischen Gerichtsdramas perfekt erfüllen. Ermittelt wird wegen einem schweren Verbrechen. Die Akteure sind ein unschuldiger Angeklagter, ein engagierter Verteidiger, ein vorschnell überzeugter Staatsanwalt, zwielichtige Zeugen und ein oberflächliches Gericht. Am Ende steht ein Fehlurteil.

Kommt es zu einer Fortsetzung, sieht man den nun Verurteilten verzweifelt in Haft sitzen, sein Verteidiger kämpft weiter oder wurde durch einen anderen Anwalt ausgetauscht. Und plötzlich taucht Licht am Ende des Tunnels auf. Es kommt zum Happy End, das das Justizopfer allerdings nicht wirklich glücklich zurücklassen kann.

Der Fall des Bauzeichners Harry Wörz hat das fast alles. Es war also wohl unvermeidbar, dass sich Filmemacher des Stoffs annehmen würden.
2010 setzte sich bereits der Dokumentarfilm "Leben unter Verdacht", mit dem Schicksal von Harry Wörz auseinander. Zu dieser Zeit war das Verfahren noch immer beim Bundesgerichtshof anhängig, das letzte Kapitel noch nicht geschrieben.

Nun folgt ein Spielfilm unter der Regie von Till Endemann. Anfänglich stand Harry Wörz dem Projekt eher ablehnend gegenüber, später unterstützte er die Filmemacher jedoch bei den Dreharbeiten. Der verantwortliche SWR-Redakteur Michael Schmidt hält die Verfilmung, die zur besten Sendezeit gesendet und über die im Anschluss in einer Talkshow diskutiert wird, für sehr wichtig: "Wenn die Justiz versagt, geht uns das alle an, das kann jeden selber treffen."

Kein Wort der Entschuldigung

Die Dynamik, die der Fall irgendwann erhielt, ging nicht von den Strafrichtern aus, sondern von ihren Kollegen beim Zivilgericht. Sie hatten sich 2001 mit der Klage der Eltern von Silke Wörz auf Schadensersatz und Schmerzensgeld zu beschäftigen und die Aufgabe, die Angaben der Klageschrift, die sich auf die rechtskräftige strafrechtliche Verurteilung stützte, auf ihre Schlüssigkeit zu überprüfen.

Nach sorgfältiger Prüfung hielten sie die Schuld des Beklagten nicht für erwiesen. Den daraufhin gestellten Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens lehnte das Landgericht (LG) Mannheim zweimal ab, schließlich musste das Oberlandesgericht Karlsruhe ein Machtwort sprechen. Im Oktober 2005 wurde der inzwischen seit vier Jahren auf freiem Fuß befindliche Wörz von den Mannheimer Richtern schließlich freigesprochen.

Damit war die Odyssee durch die deutschen Gerichtssäle jedoch noch nicht beendet. Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hob das Urteil nämlich auf. Nach umfangreicher und akribischer Sachverhaltsaufklärung im dritten Prozess erfolgte 2009 erneut ein Freispruch, den ein Jahr später auch Karlsruhe akzeptierte.

Nachdem der Kampf der Justiz um die Richtigkeit schließlich ein Ende gefunden hatte, gab es kein Wort der Entschuldigung beim Justizopfer Wörz. "Die waren total zufrieden mit sich", erzählte er später in einem Interview. Wahrscheinlich war bei Anklägern und Richtern die Überzeugung vorrangig, dass sich das deutsche Strafprozesssystem auch bei diesem sehr ungewöhnlichen Verfahrensverlauf doch einmal mehr bewährt und der Rechtsstaat gesiegt hatte.

Auch wenn diese Einstellung nicht ganz falsch ist, wäre es allenthalben angemessen gewesen, sich die begangenen schweren Fehler einzugestehen, damit sie in Zukunft unterbleiben, und sich bei den Leidtragenden zu entschuldigen. Denn Harry Wörz hat nicht nur 1.675 Tage zu Unrecht im Gefängnis verbringen müssen, sondern auch den Kontakt zu seinem Sohn verloren, der nach der Tat bei seinen Schwiegereltern aufgewachsen ist.

Zitiervorschlag

Jochen Thielmann, Der Fall Harry Wörz im Ersten: Der falsche Mann. In: Legal Tribune Online, 25.01.2014, http://www.lto.de/persistent/a_id/10778/ (abgerufen am: 28.07.2016)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 26.01.2014 09:25, www.strafakte.de

    www.strafakte.de verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext:
    TV-Tipp: Der Fall Harry Wörz

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 30.01.2014 13:40, andrea behrendt

    ja das hervoragende justizirrtum habe mir diesen genialen film angeschaut er war super besser hätte man ihn überhaupt nicht machen können. ein dickes lob an den filmautor.
    so sollte man krimis machen.
    der film hat genau die warheit gesagt und deutlich gemacht.
    auch hochachtung das harry wörz mitgeholfen hat troz seines schicksaschlag gegenüber der polizei und der justiz und seiner gesundheit.
    bin gegnerinn vom muksprojekt 21 wir kämpfen auch gegen eine sacheund haben es auch mit polizei und justiz zu tun. auch bei uns gibt es niederlagen.
    seit 2010 habe ich auch das vertrauen in die polizei und der justiz verloren. das war unser schwarzer donnerstag wie bekannt.
    harry wörz ging damal durch das tal der leiden so kann man sagen mit fug und recht und trozdem weiter gemacht alle achtung und hut ab vor diesem mann.
    ich wünsche ihm und seiner familie weterhin viel kraft und erfolg.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 30.01.2014 18:35, Recht und+Unrecht

      HALLO Andrea,
      Zunächst einmal die Hauptaufgabe von Betroffenen ist: Weiterkämpfen gegen Macht und Machtmissbrauch. Nur wer etwas ähnliches erlebt kann sich in die Sache der Rechtswidrigkeiten einbringen.
      Wie bei Gustl Mollath und Harry Wörz muss ich die und auch die nicht bekannten Betroffenen bewundern mit welcher Ausdauer die ihr Recht erkämpfen wollen. Viele haben das nicht durchgehalten und sind verstorben. Wie konnten diese unschuldig weggesperrten das überhaupt durchhalten? Gustl Mollat danach gefragt auf München TV. Antwortet: Da beginnt man schon mal zu beten. Das tut nicht weh und wer daran glaubt, der wird zunächst Ereignisse mitbekommen die zu denken anlass geben. Das möchte ich hier nicht vertiefen, weil dann sehr schnell der Gedanke entsteht ...
      Wie es in der Psychiatrie zugeht hat Mollath ausfürlich beschreiben. Wie es in Bayerischen Gefängnissen zu geht, dass kann jeder Interessiert hier nachlesen. http://www.home-lenggries.de/html/die_holle.html Wie es im Amtsgericht Wolfratshausen zu geht, das finden Sie hier >>>http://www.bayern-aktuelles.de/html/korruption.html Was das LG MüII 5. Strafkammer dazu sagt hier klicken>>>http://www.bayern-aktuelles.de/html/beschluss_lg_mu_ii.html Hier noch ein Link>>> das haben wir alles verloren>>http://www.bayern-aktuelles.de/html/diebesgut_.html

  • 30.01.2014 17:15, Recht und+Unrecht

    Kommentar zu ARD Sendung 30.Jan. 2014
    Wer glaubt, dass ist ein Einzelfall, der irrt gewaltig. Erst heute hat mir ein Bekannter erzählt. Mit der Bayerischen Justiz möchte er nichts zu tun haben. Hier werden auch Menschen weggesperrt und von der Polit- Justiz schon über 9 Jahre verfolgt. Das es hier um den seltsamen Fall handelt wo ein ganzes Amtsgericht mit 9 Richtern an der Existenzvernichtung beteiligt ist wird sowieso keiner glauben. Außer der hat ähnliches selbst erleben müssen. Leider kann ich hier keine Links zu der Geschichte veröffentlichen. Hoffe aber dass der Kommentar bestehen darf. Mit etwas Geschick findet aber der Interessierte das im Internet; facebook; twitter.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 30.01.2014 17:23, Recht und+Unrecht

    Mehr zum Bericht>>> http://www.bayern-aktuelles.de/html/briefe_an_merk.html

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 31.01.2014 11:14, andrea behrendt

    jutiz ist nicht mehr das was sie mal war und auch nicht die polizei. polizei sagt vor gericht was anderes aus als der ageklagte der polizei wird immer geglaubt so ist das nun mal.
    der schauspieler der den harry wörz gespielt hat istgenial gewesen der hat ihn so gespielt wie der ware harry wörz ist.
    ich sag ja der film ist gaz toll gemacht ,so sollte die krims im fersehn sein dann würden die leute mehr krims schauen.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 31.01.2014 11:50, Frey Rudolf, Lauf/P.

    Nicht immer greift dieses Kischee des klassischen Gerichtsdramas.
    Der Fall Harry Wörz ist kein Einzelfall. Das beweist das noch traurigere
    Strafverfahren gegen meinen Sohn Matthias. Da wird der Rechtsstaat
    demontiert zu Gunsten bestimmter Personen wie im Fall G. Mollath.

    Ich bitte deshalb RÄ-Kanzleien Kontakt mit mir aufzunehmen unter
    freilauf1@freenet.de wg. eines Mandats für das WA-Verfahren.
    Es wird brisant „ins Schwarze treffen“!

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 31.01.2014 19:23, www.elo-forum.org

    www.elo-forum.org verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext:
    Der Fall Harry W

    Auf diesen Kommentar antworten
  • www.juristischer-gedankensalat.de verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext:
    “Der Fall Harry Wörz – Der falsche Mann” 

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 12.02.2014 11:31, Mirco

    Das deutsche Strafprozesssystem hat sich bewährt ?
    M.E.hat die Justiz in diesem Fall mehrfach völlig versagt, natürlich bis hin zum Oliver Kahn Senat des BGH! Damit wäre der Fall schon abgeschlossen gewesen, wenn nicht im Anschluss der Schwiegervater den Harry Wörz auch noch auf Schadensersatz verklagt hätte !
    Zum Zweiten ist zu bedenken, dass Dank unserer Strafjustiz der wahre Mörder für immer unbestraft bleiben wird.

    Auf diesen Kommentar antworten
Neuer Kommentar