Hanns Martin Schleyer
Eine deutsche Tragödie
18.10.2011

ddp images/AP/Anonymous
Im kollektiven Gedächtnis geblieben ist vor allem das demütigende Bild, das den entführten Präsidenten des Bundesverbandes der Industrie im Unterhemd vor der Videokamera der Terroristen sitzend zeigt. Der fatale Höhepunkt der beispiellosen Entführungstragödie war die Meldung einer unbekannten Frau am 19. Oktober 1977 bei der Deutschen Presseagentur, die folgenden Text vorlas: "Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt, der in seinem Machtkalkül von Anfang an mit Schleyers Tod spekulierte, kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mulhouse in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen."
Die Entführer hatten Schleyer tags zuvor ermordet.
Der einzige Sohn des Landgerichtsdirektors Ernst Schleyer und dessen Frau Helene wurde am 1. Mai 1915 im badischen Offenburg geboren. Nach dem Abitur in Rastatt folgte Hanns Martin Schleyer dem väterlichen Studienweg und immatrikulierte sich 1933 an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Heidelberg.
Die nationalsozialistische Vergangenheit
Während des Dritten Reiches war Schleyer bekennender Anhänger des Nationalsozialismus. Hierzu gehörten auch der Eintritt in die SS am 1. Juli 1933 und die Mitgliedschaft in der NSDAP ab 1. Mai 1937. Im Sommer desselben Jahres wurde Schleyer Leiter des nationalsozialistischen Heidelberger Studentenwerkes.
Das Jurastudium beendete er ein Jahr später mit dem ersten juristischen Staatsexamen. Im gleichen Jahr wurde Schleyer Leiter des Studentenwerks an der Universität Innsbruck, an der 1939 seine Promotion zum "Dr. jur." erfolgte. Im gleichen Jahr heiratete er Waltrude Ketterer. Aus der Ehe gingen vier Söhne hervor.
Im Zweiten Weltkrieg nahm der Offenburger als Gebirgsjäger am "Westfeldzug" und an den Vorbereitungen zur "Operation Seelöwe", der geplanten Invasion in Großbritannien, teil. Eine Verletzung des Schultergelenks führte 1941 zur Entlassung aus dem Wehrdienst wegen Dienstuntauglichkeit. Anschließend ging Schleyer als Leiter des Studentenwerks nach Prag.
Im Jahr 1943 trat er in den Zentralverband der Industrie für Böhmen und Mähren (ZVI) ein, wo er bald darauf Leiter des Präsidialbüros und persönlicher Sekretär von Bernhard Adolf, dem Präsidenten des ZVI, wurde. In den Erfahrungen jener Zeit erblicken Schleyer-Biografen wie Lutz Hachmeister die Basis für seinen späteren Aufstieg in der Bundesrepublik, da der Jurist in diesen Jahren eine prägende Ausbildung als Funktionär und als Wirtschaftsorganisator erhalten habe.
Nach Kriegsende begab sich Schleyer nach Konstanz, wo er im Mai 1945 vom französischen Militär festgenommen und für drei Jahre interniert wurde. Die Behörden stuften ihn schließlich als "Mitläufer ohne Sühnemaßnahmen" ein. Schleyer hatte bei seinen Angaben zur Person einen niedrigeren Dienstgrad angegeben. Die Geldbuße von 300 Mark galt durch die Internierungshaft als abgegolten. Schleyer war frei.
Der Aufstieg zum Wirtschaftsimperator
Am 1. März 1949 nahm er seine Tätigkeit als Referent bei der Industrie- und Handelskammer Baden-Baden auf. Er wechselte am 1. Oktober 1951 als Sachbearbeiter zur Daimler-Benz AG, wo sein Aufstieg an die Spitze der deutschen Wirtschaft ihren Lauf nahm. Schleyer gelangte schließlich in den Vorstand, wo er mit aller Macht die Arbeitgeberinteressen vertrat.
Neben seiner Tätigkeit bei Daimler-Benz übernahm Schleyer immer mehr Aufgaben in Industrieverbänden. Als Vorsitzender des Landesverbands der Metallindustrie wurde er als harter, aber fairer Verhandler in Tarifrunden geschätzt. Sein damaliger Gegenspieler, der Arbeiterführer Willy Bleicher, meinte:
"Das ist ein harter Schädel, der da auf seinem vierschrötigen Körper sitzt. Es ist ganz sicherlich einer der Menschen, die ich kennen gelernt habe, der die Interessen der Arbeitgeber, der Unternehmer, am konsequentesten vertritt."
1973 wurde Schleyer zum Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, drei Jahre später zusätzlich auch noch zum Präsidenten des Bundesverbandes der Industrie gewählt.
Enführung und Ermordung
Nur vier Jahre später, im Deutschen Herbst 1977 wurde Hanns Martin Schleyer von Terroristen der RAF überfallen, seine Leibwächter und der Fahrer wurden erschossen, er selbst entführt. Mit ihrem prominenten Opfer wollten die Terroristen Gesinnungsgenossen aus dem Gefängnis herauspressen.
Sein ältester Sohn, Rechtsanwalt Hanns-Eberhard Schleyer, beantragte am 15. Oktober 1977 beim Bundesverfassungsgericht (BVerfG) eine einstweilige Anordnung gegen die Bundesregierung und die betroffenen Landesregierungen, auf die Forderungen der Entführer seines Vaters einzugehen. Der Erste Senat des BVerfG lehnte den Antrag ab.
Die Bundesregierung unter Helmut Schmidt entschied sich, die Forderungen der RAF nicht zu erfüllen. Auch nach der Entführung des Lufthansa-Passagierflugzeugs Landshut blieb sie bei ihrer unnachgiebigen Haltung. Nachdem die Maschine auf dem somalischen Flughafen Mogadischu am frühen Morgen des 18. Oktober 1977 von GSG-9-Beamten gestürmt und alle 86 Geiseln befreit worden waren, beging die inhaftierte Führungsriege der RAF – Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe – in ihren Zellen Selbstmord.
Als die Entführer hiervon erfuhren, wurde Hanns Martin Schleyer erschossen. Die Täter sind bis heute nicht ermittelt.
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Thomas Dehler: Ein Grantler als Justizminster
Die "Affäre Calas": Ein Justizmord im Zeitalter der Aufklärung
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Zitiervorschlag
Ass. jur. Jürgen Seul, Hanns Martin Schleyer: Eine deutsche Tragödie. In: Legal Tribune ONLINE, 18.10.2011, http://www.lto.de/persistant/a_id/4586/ (abgerufen am 23.05.2012)
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