Der Rechtsstaat in der Eurokrise

Normalität war gestern

von Daniel Martienssen

27.12.2012

Made in Germany

Bei den Deutschen ist die Krise auch Ende 2012  faktisch kaum angekommen, Angela Merkel erfreut sich bester Popularitätswerte, die Italiener sehnen sich gar nach Deutschlands Rechtsstaat. Dabei kann auch das Recht nicht wieder herstellen, was die Menschen wirklich wollen: Normalität. Dafür braucht es einen breiten Diskurs – und das Ende des schönen Scheins, glaubt Daniel Martienssen.

Das "deutsche Universum" als eine "Vision der Hoffnung". Italiener glauben nach einer Befragung des italienischen Goethe-Instituts, die Deutschen lebten in "sicheren Regeln und Gesetzen". Die Umfrage gipfelt in einer Sehnsucht der Italiener nach Deutschlands Rechtsstaat. Denn der Rechtsstaat schaffe Ruhe und Normalität, ein sicheres Leben in geordneten Bahnen. Gerade in der Eurokrise, in der sicher geglaubte Konventionen vom Kopf auf die Füße gestellt worden sind, ziehen sich die Bürger zunehmend in einen scheinbar normalen Alltag zurück.

Hinzu kommt, dass sich in Teilen Italiens die rechtsstaatlichen Strukturen immer weiter auflösen. Im kollektiven Gedächtnis bleiben die riesigen Müllberge in Neapel. Eine Kreislaufwirtschaft  existiert nicht mehr, mafiöse Strukturen füllen seit geraumer Zeit dieses Verwaltungsvakuum. Kriminalität am helllichten Tag ist in Neapel die Regel geworden. In der Küstenstadt ist die Sehnsucht nach Ruhe und Normalität am größten.

Nun soll der Rechtsstaat diese Normalität schützen und bewahren. Wenn aber die Eurokrise eines schon geschafft hat, dann die Perspektive für das, was wir für normal halten, sukzessive zu verschieben.

Normalität 2012: ESM statt No Bail Out

Seit 2008 halten uns verschiedene Stufen der Finanz- und Wirtschaftskrise in Atem. Ordnungspolitisch war es damals undenkbar, mit milliardenschweren Eurorettungspaketen Griechenland oder anderen krisengeschüttelten Eurostaaten unter die Arme zu greifen. Bis 2010 galt ein hartes europäisches Regelwerk mit der No-Bail-Out-Klausel als unantastbarem Rechtsprinzip. Auch ein nur vorläufiger Rettungsschirm war bis dahin undenkbar.

Nur zwei Jahre später nehmen wir mit einem gewissen Gleichmut zur Kenntnis, dass der permanente institutionalisierte Rettungsschirm "ESM" am 8. Oktober 2012 seine operative Tätigkeit aufgenommen hat und nun bis zu 700 Milliarden Euro an Krisenstaaten auszahlen kann. No-Bail-Out war gestern.

In Deutschland ist die Schere zwischen der Eurokrise mit  ihren ökonomischen Folgen und dem Wahrnehmbaren im Alltag fast schon surreal auseinandergeklafft. Die Bevölkerung in Deutschland ist bisher von der Krise weitestgehend verschont geblieben.  Man kann sich gar als Krisengewinner begreifen. Die Arbeitslosenzahlen sind auf einem Rekordtief und angesichts der verheerenden Wirtschaftsdaten in Südeuropa steht Deutschland mit moderaten Wachstumsprognosen wie ein Musterschüler da. Die Bundesrepublik ist der Wirtschaftsmotor der Union.

Die wirtschaftlich guten Zahlen sind nun für viele junge Menschen aus Südeuropa ein wesentlicher Grund, nach Deutschland zu kommen. In Italien und Spanien haben Schulen für Deutschunterricht Hochkonjunktur, weil Fachkräfte sich hier Jobs erhoffen, von denen sie in ihrer Heimat nur träumen können.

Für sie soll auch eine funktionierende Rechtsordnung einen normalen Alltag garantieren. Dieser Denkansatz kann allerdings nur scheitern. Rechtsstaatlichkeit kann immer nur einen Rahmen für eine freiheitliche Gesellschaft bilden. Dessen Inhalt aber bestimmen andere Faktoren wie der soziale Zusammenhalt und eine ausgewogene Ressourcenverteilung. Überdies wird die innere Verfasstheit einer aufgeklärten Gesellschaft auch maßgeblich an ihrer Fähigkeit zum Diskurs gemessen. Dem Diskurs nicht zuletzt über ihre gesellschaftliche Ordnung.

Seite 1/2
  1. Seite 1: Die Sehnsucht des Südens und die neue Normalität
  2. Seite 2: Karlsruhe mahnt, Berlin hat längst entschieden
Artikel kommentierenDruckenSendenZitieren

Zitiervorschlag

Daniel Martienssen, Der Rechtsstaat in der Eurokrise: Normalität war gestern. In: Legal Tribune ONLINE, 27.12.2012, http://www.lto.de/persistent/a_id/7866/ (abgerufen am 18.05.2013)

Infos zum Zitiervorschlag

Kommentare

Neuer Kommentar
Wollen Sie mit Visitenkarte kommentieren? Hier klicken und einloggen *

Benachrichtgung bei weiteren Kommentaren



Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Wolters Kluwer Deutschland

Themenwoche LL.M.-Programme

Der Weg bis zum zweiten Staatsexamen ist eigentlich schon hart genug. Trotzdem machen viele weiter. In unserer Themenwoche vom 13. bis zum 17. Mai werden wir einige der wichtigsten Fragen beantworten: LL.M. oder Dr.? Vollzeit oder berufsbegleitend? In Deutschland oder in den USA?

Mo 13.05.
Ein Titel macht Karriere - und viele Juristen mit ihm

Di 14.05.
Welcher Studiengang ist der richtige für mich?

Mi 15.05.
Deutsche Bewerber beim LL.M. Day sehr begehrt

Do 16.05.
Meisterhafte Zeitplanung

Fr 17.05.
5 Tipps und Tricks von Bewerbung bis Stipendium

 

Sponsored Article: LL.M.-Studiengang sorgt für Durchblick im komplexen Normgefüge

LTO-Quiz: Einstellungstests bei Journalistenschulen

© stillkost - Fotolia.com

Heribert Prantl, Claus Kleber und Ulrich Wickert sind nur drei Beispiele für Juristen, die vor allem durch ihre journalistische Tätigkeit bekannt wurden. Genau wie sie damals liebäugeln auch heute viele Rechtswissenschaftler mit einem Job im Bereich der Medien. Doch der Arbeitsmarkt in diesem Sektor ist hart umkämpft. Ohne eine journalistische Zusatzausbildung bleibt vielen der Zugang versperrt. Dementsprechend bietet sich der Besuch einer der renommierten Journalistenschulen an. Der Pferdefuß: Diese nehmen längst nicht jeden Bewerber! Prüfen Sie anhand von 15 teilweise geringfügig modifizierten Fragen aus den vergangenen Einstellungstests der Henri-Nannen-Schule und der Axel-Springer-Akademie, ob Sie wissenstechnisch mit den Nachwuchsredakteuren mithalten können. Übrigens: Einige der folgenden Fragen waren in den Originaltests reine Wissensfragen ohne Ankreuzmöglichkeit!

18

Veranstaltungen und Seminare

07.06.2013, WiesbadenEntdecke Jura in Wiesbaden

26.09.2013 - 27.09.2013, SpeyerSpeyerer Vergaberechtstage 2013

08.11.2013, Göttingen4. Göttinger Gespräche zum Agrarrecht

15.11.2013 - 16.11.2013, Hamburg42. Baurechtstagung

29.11.2013, WiesbadenEntdecke Jura in Wiesbaden

Die LTO App - jetzt kostenlos für Apple und Android
LTO-Newsletter
kostenlos abonnieren