Aussagepsychologe Max Steller warnt vor Fehlurteilen: Wahr­heit, Wahn und Willkür

von Prof. Dr. Henning Ernst Müller

17.10.2015

Max Steller ist ein führender Rechtspsychologe und mahnt in seinem Buch "Nichts als die Wahrheit?" davor, dass "jeder unschuldig verurteilt werden kann". Sein Plädoyer für ideologiefreie Aussagepsychologie kommentiert Henning-Ernst Müller.

 

Max Steller ist einer der Rechtspsychologen, die die wissenschaftlich begründete Aussagepsychologie maßgeblich etabliert, fortentwickelt und in der forensischen Praxis fest verankert haben.

Er stand als Gutachter und als vortragender Wissenschaftler in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach im Zentrum von in der Öffentlichkeit äußerst kontrovers diskutierten und damit von Zeitgeist und Rechtspolitik stark beeinflussten Vorgängen, die in Strafprozessen ausgehandelt wurden, darunter etwa der sogenannte Montessori-Prozess, die Wormser Prozesse und Missbrauchsvorwürfe gegen Geistliche in kirchlichen Institutionen.

Sein unter Mitwirkung von Shirley Michaela Seul entstandenes Sachbuch ist spannend geschrieben und vermittelt wie nebenbei eine Vielfalt von Informationen über rechtspsychologische Methoden und Erkenntnisse. Steller greift immer wieder auf Kriminalfälle aus seiner langjährigen Praxis zurück, um seine sachlichen, aber keineswegs trockenen Erörterungen nachvollziehbar zu machen – und, um damit seine deutlichen rechtspolitischen Forderungen zu untermauern.

Inhaltlich wird auf den knapp 290 Seiten eine Vielzahl von Einzelthemen aufgegriffen und erörtert, die nicht alle Gegenstand dieser Rezension sein können.

Die Aussage als Ausgangspunkt zur Ergründung der Wahrheit

Ausgangspunkt von Stellers Betrachtungen ist die Lehre von den Realkennzeichen, eine Grundhypothese der Aussagepsychologie, wonach sich durch Kennzeichen in der Aussage selbst die Wahrscheinlichkeit ihrer Wirklichkeitsbezogenheit ermitteln lässt. Damit einher geht die wissenschaftlich begründete Abkehr von äußeren "Lügenanzeichen" und allgemeinen Glaubwürdigkeitsaspekten bei der Beurteilung von Zeugenangaben. Zeugen sind trotz der Revolution des Sachbeweises in den vergangenen Jahrzehnten noch immer das wichtigste Beweismittel in vielen Strafprozessen.

Insbesondere in Konstellationen, in denen neben ihren Aussagen keine weiteren Beweismittel zur Verfügung stehen, kommt es entscheidend darauf an, ob das Gericht den Zeugen glaubt. Die dafür notwendige Einschätzung der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen ist eigentlich zentrale Aufgabe des Gerichts in der Beweiswürdigung. In alltäglichen Fällen gelingt dies, wenn auch mitunter mehr schlecht als recht. Juristen werden für diese Aufgabe jedoch nicht ausgebildet und greifen daher weitgehend auf "gesunden Menschenverstand" und ihre "Erfahrung" zurück. Rechtspsychologen werden nur in besonderen Situationen zur Glaubhaftigkeitsbegutachtung gerufen – vor allem dann, wenn Kinder als Zeugen gehört werden sollen sowie in Fällen, in denen es um Sexualdelikte geht.

Viele von Stellers Beispielen entsprechen diesem Muster: Es steht Aussage gegen Aussage. Entweder die von Zeugen erhobenen Vorwürfe treffen zu und dem Täter gebührt die angemessene Strafe oder sie treffen nicht zu und der zu Unrecht Beschuldigte muss auf die Erkenntnisfähigkeit von Gutachter und Gericht vertrauen.

Die Methode, die Steller als Aussagepsychologe verwendet, ist wissenschaftlich lauter und ideologiefrei, aber gleichwohl nicht unfehlbar: Auch die Anwendung aussagepsychologischer Methoden kann durchaus in entgegengesetzten Ergebnissen münden. Wie so häufig kommt es auch hier auf die individuelle Klasse und Expertise des Gutachters an. Nicht ganz überzeugend ist deshalb auch Stellers grundlegende Ablehnung der Glaubhaftigkeitsbeurteilung mittels Polygrafen, im Volksmund Lügendetektoren genannt. Auch diese ist zwar nicht unfehlbar, kann aber in einigen Fallkonstellationen durchaus hilfreich sein. Jüngere Studien aus der Zunft Stellers zeigen hierzu in eine deutlich andere Richtung als seine Kritik.

Zitiervorschlag

Prof. Dr. Henning Ernst Müller, Aussagepsychologe Max Steller warnt vor Fehlurteilen: Wahrheit, Wahn und Willkür. In: Legal Tribune Online, 17.10.2015, http://www.lto.de/persistent/a_id/17233/ (abgerufen am: 29.09.2016)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 17.10.2015 19:57, Ist Geheim

    so war es bei diesem Urteil

    http://fehlurteil.blogspot.com/2013/09/nach-6-jahren-haft-ca-15000-schulden.html

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 18.10.2015 10:24, Anti-Angstmacher

      Hauptsache ein "Fehlurteil" rufen über ein Urteil, dass in dem Link zu dem Zeitpunkt noch nicht mal rechtskräftig ist. Das ist reine Angstmacherei. Es wird nur rausgekpickt, was die eigene Vorstellung untermauert, andere Tatsachen werden ausgeblendet (wie wäre es mal, die Urteilsbegründung zur Verfügung zu stellen).

      Zudem ist die Seite alles andere als seriös, mal ganz zu schweigen, dass man den Inhalt kaum lesen kann (heute können Kleinkinder bessere Internetseiten machen).

      Unabhängig davon: Fehlurteile wird es immer geben, wenn Menschen richten. Aber wenn ich das sehe, bin ich immer froh, dass hier Gerichte entscheiden und nicht der Pöbel.

  • 13.11.2015 02:30, Justizfreund

    >Hauptsache ein "Fehlurteil" rufen über ein Urteil, dass in dem Link zu dem Zeitpunkt noch nicht mal rechtskräftig ist. Das ist reine Angstmacherei.

    Ein Urteil ist ein Urteil. Ob man das Geld oder die Kraft hat sich auch noch dagegen zu wehren steht auch in den Sternen.

    Die meisten Fehlurteile erfolgen aber nicht grundlos und häufig mit grober Fahrlässigkeit oder Absicht.

    Wenn 2 Schöffen da sitzen, dann richtet doch der Pöbel. Na gut, als höriger Erfüllungsgehilfe.

    Aber an den Zuständen muss man doch etwas verbessern.
    Schade wenn man noch nicht selbst mal unschuldig verurteilt wurde und vielleich sogar viele Jahre im Gefängnis gesessen hat. Das macht Spass, weil die Gaudi wird es für die Richter, Staatsanwälte ua. Juristen immer geben incl. der grossen Gaudi mit dem zielgerichteten Vorgehen gegen den Angeklagten, der gegenüber hochelitären Juristen zu einem NICHTS degradiert werden muss.
    Stattdessen könnte man doch auch den Geschädigten den Schaden ersetzen.

    Auf der anderen Seite bin ich beeindruckt. Es gibt doch Fehlurteile:

    Justizministerin Brigitte Zypries (SPD): „Justizskandale gibt es nicht in Deutschland“

    Dr. Hans Liedel Hessisches Justizministerium: „Ich halte diese Anschuldigungen für albern. Unsere Richter sind unabhängig und an die Gesetze gebunden. Außerdem will ich erst einmal die vielen Fälle sehen, bei denen Fehlurteile ergangen sind.“

    Günter Oettinger (CDU) und Ulrich Goll (FDP) : „In der Justiz gibt es keine Missstände.“

    Richter Dr. E. AG-Minden: „Unkorrektes und ungesetzliches Handeln bei den Staatsanwaltschaften gibt es nicht, weil diese zu korrektem Handeln verpflichtet sind.“

    Peter Briesenbach CDU: „Die Justiz in NRW funktioniert“ und handelt lobenswert gemäß Landesjustizministerin NRW Roswitha Müller-Piepenkötter CDU und auch ohne Ansehen der Person.

    Der Abgeordnete Grosse-Brömer (CDU, Rechtsanwalt) kritisiert Herrn Neskovic in seiner Aussage „der Rechtsfindung auf niedrigen Niveau“, was eine Beleidigung aller Richter sei.

    Allein darüber kann man mal nachdenken:

    Richterin B. 02.11.2015 LG-Coburg:
    “Der Sachverständige B. gelangte unter Zugrundelegung der daraus gewonnenen Erkenntnisse aus psychiatrisch-psychologischer Sicht zu dem Ergebnis, dass beim Angeklagten jedenfalls eine forensisch relevante wahnhafte Störung vorliegt. Diese ergebe sich daraus, dass der Angeklagte in der Vergangenheit in einer Vielzahl von Schreiben an bundesdeutsche Justizbehörden zum Ausdruck gebracht hat, dass er Justizbehörden allgemein für weitgehend korrupt hält und sich von ihnen ungerecht behandelt fühlt.”

    Es geht ja auch um den Umgang und zwar sogar noch mit den tatsächlich später festgestellt Unschuldigen.

    VOX, In den Fängen der Justiz –
    Unschuldig im Knast, Sa. 14.11.2015 20:15 Uhr

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