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Ernährungstrend Veganismus

Fleischlose Lust

von:
30.08.2010

Vegan EssenVeganer? Das sind doch diese abgemagerten Typen, die keinen Spaß am Essen und schon gar nicht am Leben haben und die immerzu von toten Tieren erzählen, oder nicht? Mitnichten! Leben ohne Fleisch ist Trend. LTO hat sich mit dem deutschen Jamie Oliver der veganen Küche über genuss- und sinnvolles Essen ohne Fleisch unterhalten

Die Deutschen fallen vom Fleisch. Nein: Sie fallen AB vom Fleisch, so muss es heißen.

Jahr um Jahr essen sie weniger davon. Und bereits neun Prozent der Menschen zwischen Nordsee und Zugspitze essen überhaupt keins mehr. Damit ist Deutschland eines der fleischlosesten Länder Europas. Und nur zum Vergleich: In den USA verzichten gerade mal 4% auf Tierisches. Der Rest vertilgt sagenhafte 122 Kilogramm Fleisch pro Jahr und Kopf.

Doch wie gesagt: In Deutschland purzeln die Fleischpfunde – ganz besonders in Berlin. Veggie ist hier voll im Trend: Die Freie Universität Berlin eröffnete unlängst Deutschlands erste Vegetarier-Mensa, einer der hippsten Clubs der Stadt, das "Cookies", serviert im dazugehörigen Restaurant "Cookies Cream" kein Fleisch und im "Margaux" nahe des Brandenburger Tors kreiert Sternekoch Michael Hoffmann Gemüsemenüs, von denen selbst Fleischesser schwärmen.

Irgendwie passt das ja auch zur Hauptstadt der "Bionade-Bohème", zum Öko-Chique von Mitte und zum Prenzlauer Bio-Berg. "In Friedrichshain und in Kreuzberg sprießen die vegetarischen und die Veganer-Restaurants wie Pilze aus dem Boden. Das fing mit Imbissbuden an, ging dann über vegane Dönerläden mit Seitan-Spießen und jetzt sind es Sternelokale wie das 'La Mano Verde'. Also ich kröne Berlin zu Veganer-Hauptstadt Europas", sagt Attila Hildmann. Und der muss es wissen: Schließlich ist er so etwas wie ein junger Jamie Oliver der fleischfreien Küche, ein Starkoch der Veggie-Szene.

Hildmann hat zwei Internet-Kochsendungen, eine auf deutsch und eine auf englisch, ist Autor diverser Kochbücher und gibt Kochkurse in Berlin, für die Menschen aus der ganzen Republik anreisen, die sich von ihm demonstrieren lassen möchten, dass gehobene Küche weder Fleisch noch Ei noch Milchprodukte bedarf. Denn Attila Hildmann kocht zu 100% vegan.

Veganismus ist auch Beitrag zum Klimaschutz

Der 28-Jährige lebt und kocht seit acht Jahren auf rein pflanzlicher Basis und er ist überzeugt, dass das ihn schlank, junge und gesund hält. Außerdem betont er, durch seinen Fleischverzicht einen nicht unerheblichen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Es gibt reichlich Zahlen, die das belegen: Zur Produktion eines Kilos Rindfleisch werden 10 Kilogramm Getreide und 16000 Liter Wasser benötigt. Der Vorgang belastet das Klima so sehr wie eine 250 Kilometer lange Autofahrt. Und nicht zu letzt ist Attila Hildmann – wie etwa 99% aller Menschen – ein Gegner der Massentierhaltung. "Und trotzdem: 98% des in unseren Breiten verzehrten Fleisches stammen aus der Massentierhaltung."

Gutes Stichwort: Der Bestseller-Autor Jonathan Safran Foer regte mit seinem ersten Sachbuch "Tiere essen", das vor einigen Wochen in Deutschland erschienen ist, eine weltweite Vegetarismus-Diskussion an, bei der schnell klar wird: Die Frage, ob wir Tiere essen dürfen oder nicht, diskutieren längst nicht mehr nur Väter mit ihren 14-jährigen Töchtern am Abendbrottisch. Die "Movers und Shakers" fragen sich das dieser Tage, die ganze Generation Golf, 20- bis 49-jährige Großstädter mit höherem Bildungsabschluss. Und immer mehr von ihnen entscheiden sich für Nein.

Es ist ja auch so viel leichter geworden. Das Angebot an Fleischersatzprodukten ist, zumindest im Bioladen und im Reformhaus, nahezu so umfassend wie die Echt-Fleisch-Auswahl. Vom Schnitzel über den Schaschlikspieß hin zum Sauerbraten gibt es alles aus proteinreichen Pflanzenstoffen. Es gibt sogar milchfreien Parmesan und Pflanzenöle, die nach echter Butter schmecken. Sojamilch und Tofu hat mittlerweile sogar jeder Discounter fest in seinem Sortiment, Puddings und Joghurts ohne Laktose meist auch.

"Ich habe mit veganer Küche 25 Kilo abgenommen"

Somit ist es eigentlich einfach für jedermann, das fleischfreie Leben zu versuchen, findet Attila Hildmann. "Das soll natürlich Schritt für Schritt passieren: Fleischesser könnten damit anfangen, einmal pro Woche einen bewussten, vegetarischen Tag einzulegen. Nicht zufällig mal kein Fleisch essen, sondern bewusst! Dazu gehört auch, sich an diesem Tag im Bioladen mit den dort angebotenen Produkten auseinander zu setzen. Es ist ja auch total spannend, mal ein paar neue Sachen auszuprobieren."

"Ich möchte mir dem, was ich tue niemanden missionieren. Ich kann nur sagen: Für mich ist die vegane Küche ein Jungbrunnen, ich habe damit 25 Kilo abgenommen und ich fühle mich wohler und gesünder als je", so der 28-Jährige. "Wenn die Leute mich sehen und dabei ein bisschen was von ihren Vorurteilen Veganern gegenüber abbauen, reicht mir das schon. Sie sollen wegkommen vom Stereotyp des abgemagerten Möhrenfressers, der keine Muskeln aufbauen kann, immer nur rummeckert und frustriert ist mit der Welt. Veganismus bedeutet ganz viel Genuss und Lifestyle und steht für eine positive Einstellung zum Leben."

Aber ganz ehrlich: Wie positiv kann das Leben sein, wenn man weder Steak noch Rührei noch französischen Weichkäse isst? "Mir fehlt gar nichts. Nicht mal Käse", versichert Hildmann. "Wenn ich mir eine Pizza mache, dann gebe ich etwas Rucola über die mit gegrilltem Gemüse belegte Pizza und toppe alles mit meinem veganen Parmesan, den ich aus gerösteten Pinienkernen, Hefeflocken und Meersalz herstelle und frischem Basilikum-Pesto - das schmeckt richtig schön herzhaft. In der veganen Küche kann man mit etwas Wissen und Geschick aus leckeren und gesunden Zutaten aromatische und tolle Gerichte kreieren, die einen irgendwann vergessen lassen, wie das damals mit Blauschimmelkäse eigentlich war. Zum Beispiel eine Auberginencreme. Oder Basilikumschaum. Da sagt man irgendwann: Blauschimmelkäse war vielleicht gut, aber nicht so lecker wie das hier!"



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